Laufende Projekte

DFG-Projekt: Stützen der Königsherrschaft. Königinnen und Mittelgewalten im ostfränkisch-deutschen Reich (9. bis Anfang des 12. Jahrhunderts)

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© Abteilung für Mittelalterliche Geschichte

Das Projekt untersucht das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Herrscher und politischen Eliten im fränkisch-deutschen Reich von der Karolingerzeit bis ins 12. Jahrhundert. Dabei soll das Spannungsverhältnis zwischen Herrschaftspartizipation dieser aus Geistlichen und Weltlichen bestehenden Personenkreise, etwa durch Beratung, und eigener, regionaler Macht und Herrschaft adressiert werden. Ein spezielles Interesse gilt der Gemahlin des Herrschers, die zu diesem naturgemäß in einem besonderen Verhältnis stand, zugleich aber auch Funktionen wahrnahm, die denen der höchsten Kreise der politischen Elite entsprachen; zu nennen sind hier etwa die Beratung des Herrschers oder die Fürsprache beim Herrscher.

Das Projekt versteht sich als Teil von Macht und Herrschaft. Bonner Zentrum für vormoderne Ordnungen und ihre Kommunikationsformen.

Projektleitung: Prof. Dr. Matthias Becher

Kooperationspartnerin: Dr. Linda Dohmen

Projektmitarbeiter: Luise Margarete Jansen M.A., Philipp Merkel M.A.

DFG-Projekt: Saraceni, Mauri, Agareni, ... in lateinisch-christlichen Quellen des 7. bis 11. Jahrhunderts

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© Abteilung für Mittelalterliche Geschichte

Im Rahmen der arabischen Expansion, die ihren Anfang im 7. Jahrhundert nahm und die Eroberer bis auf das europäisches Festland führte, wurde auch die islamische Religion verbreitet. Bereits die entstehende geographische Nähe förderte Kontakte zwischen der ansässigen christlichen Bevölkerung und den sog. Sarazenen, die in lateinisch-christlichen Werken vergleichsweise häufig beschrieben werden. Die Forschung hat insbesondere der Kreuzzugszeit zahlreiche Untersuchungen gewidmet, sodass unser heutiges Islambild des lateinisch-christlichen Westens stark geprägt durch die Erfahrungen und Kontakte während der Kreuzzüge ist. Dagegen liegen bislang nur wenige Studien vor, die die Darstellung der Sarazenen in lateinisch-christlichen Quellen der Vorkreuzzugszeit in den Blick nehmen.
 
Das online Repertorium Saracenorum bietet nun in Form eines Semantic MediaWiki eine umfangreiche Sammlung von Berichten über Saraceni, Mauri, Agareni, … in lateinisch-christlichen Quellen des 7. bis 11. Jahrhunderts. Jede Nachricht wurde einzeln im Volltext und in Übersetzung erfasst und wissenschaftlich aufbereitet. Die Verschlagwortung mittels Kategorien und Attributen erleichtert den Zugriff und die Suche, Zusatzinformation werden mittels Open Linked Data integriert. Das Repertorium Saracenorum ist in Zusammenarbeit mit demCologne Center for eHumanities, Universität zu Köln entstanden.

Projektleitung: Prof. Dr. Matthias Becher

Projektmitarbeiter*innen: Dr. Katharina Gahbler, Lukas Müller M.A.

In einer eigenständigen Studie wurden die Darstellungsweisen von sog. Sarazenen aus der Zeit Ottos I. untersucht. Sie verweist auf einen bereits der Bibel zugrunde gelegten Antagonismus zwischen den Nachkommen Isaaks und Ismaels, auf den die mittelalterlichen Verfasser rekurrieren, und zeigt, dass die Diskreditierung politischer Gegner mithilfe religiöser Feindbilder bereits im früheren Mittelalter ein wirksames und viel genutztes Mittel der politischen Propaganda war.

→ Katharina Gahbler, Zwischen Heilsgeschichte und politischer Propaganda. Darstellungsweisen und Darstellungsmuster von Sarazenen aus der Zeit Ottos I. (Historische Studien 514), Husum  2019.

Das Projekt wurde zwischen 2013 und 2017 von der DFG gefördert.
Pressemitteilung der Universität Bonn vom 10.12.2021:

https://www.uni-bonn.de/de/neues/312-2021?set_language=de
https://www.uni-bonn.de/en/news/312-2021?set_language=en


Projekte mit ausgelaufener Drittmittelförderung

Forschungsprogramm 

Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive
Der Sonderforschungsbereich 1167, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), macht es sich seit dem Sommer 2016 zur Aufgabe, vormoderne politisch-gesellschaftliche Organisationsformen von Macht und Herrschaft in Asien, Europa und dem nördlichen Afrika aus transkultureller Perspektive zu untersuchen.

Macht und Herrschaft prägen das menschliche Zusammenleben durch alle Epochen hindurch. Um die heute unter dem Stichwort ‚Globalisierung‘ subsumierten Prozesse besser zu verstehen, wird der Blick auf gesellschaftliche Tiefenstrukturen außereuropäischer und europäischer Kulturräume gelenkt.

Ziel des SFB 1167 ist es, durch die Untersuchung vielfältiger materieller, bildlicher und sprachlicher Zeugnisse zu einer möglichst umfassenden Phänomenologie vormoderner Macht und Herrschaft zu gelangen.

Die untersuchten Kulturräume vom Ägypten des 4. Jahrtausends vor unserer Zeit bis ins Tibet und China des 18. Jahrhunderts werden dabei nicht als monolithische Einheiten betrachtet, sondern als hybride Gebilde, die stets vielseitigen Einflüssen unterworfen sind und selbst Impulse zu Veränderungen geben. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit stehen formal herrschende Personen, also oberste Herrschaftsträger*innen, die ihre Stellung in unterschiedlichen Konfigurationen überregional zur Geltung bringen konnten, sowie das sie umgebende Beziehungsgeflecht. Diese Akteure unterschiedlichen Geschlechts eigenen sich besonders als transkulturelle und interdisziplinäre Vergleichskategorie. Auf diese Weise werden Interdependenzen zwischen ‚gelebten‘, faktisch etablierten Ordnungen auf der einen Seite sowie ihrer Wahrnehmung, Darstellung und Kommentierung auf der anderen offengelegt.

In zeitlicher und räumlicher Breite wird das Aushandeln von Macht und Herrschaft untersucht, nach den Faktoren gefragt, die diese überhaupt ermöglichen, legitimieren und bedingen, sowie die Bedeutung personaler und überzeitlich-transpersonaler Elemente für politische Organisationsformen ergründet. Welchen Einfluss besaßen räumliche Aspekte oder geschlechterspezifische Dimensionen auf die Ausübung und sichtbare Vergegenwärtigung von Macht und Herrschaft? Welche Formen der Repräsentation von Macht und Herrschaft existierten? Vor welchem Hintergrund wurden sie in Szene gesetzt? Welche Möglichkeiten und Grenzen von Kritik an Herrschenden und am Herrschaftssystem gab es? Wie funktionierten der Diskurs und die Kommunikation über Macht und Herrschaft?

Im Rahmen der Arbeit des SFB werden die transkulturellen sowie transepochalen Analysekategorien ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ neu geprüft. Ziel ist es, den bislang ubiquitären Eurozentrismus in der Auseinandersetzung mit diesen beiden Begriffen zu überwinden oder zumindest zu nivellieren. Dies geschieht, indem die Grenzen, die die im europäischen Wissenschaftsbetrieb entstandenen Fachkulturen gesetzt haben, in Frage gestellt werden und stattdessen ein transkultureller Ansatz zur Beschreibung von Macht und Herrschaft erarbeitet wird.

Projektbereiche

Der SFB 1167 gliedert sich in vier Projektbereiche, genannt Spannungsfelder, die zentrale Konfigurationen von Macht und Herrschaft repräsentieren und so einen umfassenden Zugriff auf den Gesamtzusammenhang gewährleisten. Jedes der 20 wissenschaftlichen Teilprojekte ist jeweils zwei Spannungsfeldern zugeordnet.

Neben seinem Amt als Sprecher des SFB 1167 verantwortet Prof. Dr. Matthias Becher gemeinsam mit Dr. Linda Dohmen das Teilprojekt "Consensus und fidelitas: Personale und transpersonale Elemente königlicher Macht und Herrschaft im ostfränkisch-deutschen Reich", welches den Spannungsfeldern A: Konflikt und Konsens und B: Personalität und Transpersonalität zugeordnet ist.

Sprecher: Prof. Dr. Matthias Becher

Geschäftsführung: Dr. Katharina GahblerDr. Mike Janßen.

Öffentlichkeitsarbeit: Christine Beyer, M.A., Achim Fischelmanns, M.A.Jasmin Leuchtenberg, M.A.

Das Projekt rückt mit den gallischen Briefsammlungen des Sidonius Apollinaris, des Ruricius von Limoges und des Avitus von Vienne aus dem späten 5. und frühen 6. Jahrhundert Quellen in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses, die zwar von der Forschung bereits vielfach – vor allem in Ausschnitten – herangezogen wurden, aber bisher noch keine systematische Gesamtanalyse erfuhren. Mit dem Begriff der ‚Kontingenz‘ wird zudem eine heuristisch vielversprechende Alternative zu den in der Forschung anhaltend kontrovers diskutierten Modellen des Untergangs, der Kontinuität und der Transformation des weströmischen Reiches eingeführt. Durch die Untersuchung der Darstellung von Kontingenz und ihrer Bewältigung in den Briefsammlungen liegt der Fokus des Projekts vor allem auf der Wahrnehmung der gallo-römischen Zeitgenossen und ihrer literarischen Verarbeitung. Die methodisch fundierte Analyse der Erzählweisen der Briefsammlungen erlaubt es dabei, sowohl die interne Werkstruktur der jeweiligen Briefsammlung und jeweilige textimmanente Entwicklungen herauszuarbeiten, als auch einen intertextuellen Vergleich der drei Briefsammlungen untereinander vorzunehmen. So wird ein bisher ausstehender Beitrag zur Erforschung der literarischen Kommunikation, der möglichen Veränderung von Perzeptions- und Deutungsmustern im Gallien des späten 5. und frühen 6. Jahrhunderts geliefert.

Projektleitung:Prof. Dr. Matthias Becher

Projektmitarbeiter: Dr. Hendrik Hess

Der so genannte Investiturstreit gilt als eine der bedeutendsten Umbruchsperioden des europäischen Mittelalters. Seine Auswirkungen auf einen merklichen Wandel der Streitkultur und die neu ausgerichtete Indienstnahme der antiken Rhetorik im 11. und 12. Jh. auszuloten und dabei das kulturelle Innovationspotential dieser gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung zu analysieren, ist Ziel des Projektes. Die der Führungsschicht entstammenden Autoren der meist in Briefform gehaltenen Streitschriften verfolgten ihr zentrales Ziel, die Schaffung einer eigenen Gruppenidentität durch Abgrenzung von den Widersachern, unter kräftigem Einsatz rhetorischer Mittel, die beim lauten Verlesen ihre Wirkung entfalteten. Ausgangspunkt für die Analyse der rhetorischen Mittel ist die erste systematische Brieflehre des Mittelalters von Alberich von Montecassino, deren Entstehung jetzt im Umfeld des Reformpapsttums lokalisiert wird. Daher verdient die katalytische Wirkung des Investiturstreits auf eine neu definierte, stark von antiker Rhetorik geprägte Streitkultur nicht nur des päpstlichen Schrifttums dringend eine eingehende Untersuchung.

Projektleitung: Prof. Dr. Matthias Becher

Mitantragsteller: Prof. Dr. Florian Hartmann

Projektmitarbeiter: Dr. Eugenio Riversi (Wissenschaftlicher Mitarbeiter); Anja-Lisa Schroll (Wissenschaftliche Mitarbeiterin); Paul Emschermann (SHK); Vanessa Fox (SHK)

Teilprojekt des DFG-Schwerpunktprogramms 1173 - "Desintegration und Integration mittelalterlicher Kulturen in Europa"

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Becher

Bearbeitung: Dr. Daniel König

Projektskizze
Das in Arbeit befindliche Dissertationsvorhaben wird als Einzelprojekt des SPP 1173 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Das  im Juli 2005 lancierte Programm beschäftigt sich aus der Perspektive 20 verschiedener Forschungsprojekte an 14 verschiedenen Universitäten mit Desintegrations- und Integrationsprozessen im europäischen Mittelalter. Weitere Informationen finden sich unter http://www.spp1173.uni-hd.de.

Das Einzelprojekt "Bekehrungsmotive" beschäftigt sich mit den Beweggründen und Motiven von Menschen aus dem 4.-8. Jh. im kontinentalen Teil Westeuropas, das Christentum oder eine christliche Lebensweise anzunehmen. In den zeitgenössischen Quellen findet man vielfach Hinweise auf Bekehrungsprozesse: Rhetoren und Intellektuelle, römische Kaiser und Aristokraten, germanische Fürsten und Adlige, Beamte, Händler, Soldaten, Landarbeiter, Schauspieler, Prostituierte, Sklaven, Aussätzige, junge und alte Menschen, Frauen und Männer etc. nahmen das Christentum oder eine christliche Lebensweise an. Ihre frühere religiöse Überzeugung, ihre Herkunft, ihr Bildungsgrad, ihr sozialer Status, ihre persönlichen Lebensumstände, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie lebten, die Art, wie sie mit dem Christentum in Kontakt traten wie auch viele andere Faktoren beeinflussten ihren Bekehrungsprozess.

Teilweise werden in den Quellen explizit Motive genannt, teilweise lassen sie sich indirekt über in den Quellen dokumentierte (auto)biographische Angaben, sowie über Argumente, Gesetze und Aktionen erschließen, die sowohl die Zugehörigkeit zum Christentum als auch die Verstärkung christlicher Elemente in Weltbild und Lebenspraxis attraktiv, ein Verharren im Nichtchristentum dagegen unattraktiv machten. Methodisch stellt sich dabei das Problem, ob Motive und Beweggründe von Menschen vergangener Zeiten tatsächlich erschlossen werden können: Die Quellen erlauben zunächst, das Spektrum der in den Quellen formulierten Bekehrungsmotive als Teil der zeitgenössischen Vorstellungs- und damit Lebenswelt wiederzugeben sowie auf dem Hintergrund der (oftmals schwer rekonstruierbaren) historischen Faktenlage die Plausibilität bestimmter Bekehrungsmotive aufzuzeigen. Durch die Verschränkung verschiedener voneinander unabhängiger Aussagen aus mehreren Quellengattungen lassen sich allerdings teilweise relativ sichere Aussagen über die für den Christianisierungsprozess des 4. bis 8. Jh. relevanten Bekehrungsmotive treffen.

Ziel der Arbeit ist es, durch die kritische Analyse von Quellen und Forschungsthesen möglichst viele Beweggründe nachzuweisen, diese im Hinblick auf ihre Relevanz für den Christianisierungsprozess zu gewichten und zu ergründen, unter welchen gesellschaftlichen Umständen sie entstanden.

Das Projekt wurde abgeschlossen mit der Dissertation von Daniel König: Bekehrungsmotive: Untersuchungen zum Christianisierungsprozess im römischen Westreich und seinen romanisch-germanischen Nachfolgern (4.-8. Jh.), (Historische Studien 493), Husum 2008.


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