Blog: Aktuelles aus dem Mittelalter

Zum Abschied ein überraschender Quellenfund

31.08.2026: Matthias Bechers letzter Arbeitstag

An seinem letzten Arbeitstag nach 28 Jahren am Bonner Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte konnte Matthias Becher gestern eine jüngst entdeckte, reich bebilderte Handschrift übergeben werden. Die darin enthaltenen Annales breves Bonnenses stellen eine bislang singuläre Quelle für die Geschichte des Lehrstuhls und seines Inhabers seit 1998 dar und dokumentieren in Wort und Bild große wie kleine Ereignisse aus Forschung, Lehre und akademischem Alltag. Einige aktuelle und ehemalige Angehörige des Lehrstuhls waren bei der Übergabe des sensationellen Fundes dabei und konnten die Glaubwürdigkeit zahlreicher Passagen aus eigener Anschauung bestätigen. Der Codex befindet sich nun in Privatbesitz; eine kritische Edition ist angekündigt.

 

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© Dohmen
Gruppenfoto letzter Arbeitstag Becher
© Tobias Weller

Wir danken Matthias Becher für die vielen Jahre am Lehrstuhl, für seine Unterstützung, seinen Rat und die schöne Zeit miteinander. Für den neuen Abschnitt wünschen wir ihm von Herzen alles Gute.

Ein Beitrag von: Dr. Linda Dohmen

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Exkursion in das Depot des LVR-Landesmuseums Bonn

18.06.2026: Exkursionsbericht

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© Prof. Dr. Laury Sarti

Im Rahmen des Seminars „Das merowingische Gallien (c. 482 bis 751): Überregionale Dynamiken und lokale Realitäten“ fand am 18. Juni 2026 eine Exkursion in das Depot des LVR-Landesmuseums Bonn statt. Hier führte Dr. Elke Nieveler, Referentin für Frühmittelalter, die Seminarteilnehmer*innen durch die Hallen des Gebäudes, in deren luftgetrockneter Umgebung Objekte aus mehreren Jahrtausenden menschlicher Geschichte konserviert werden. Frau Nieveler gab zunächst eine grundsätzliche Einführung in die Entstehung der Sammlung und des Depots sowie dessen Funktionsweise. Im Anschluss präsentierte sie eine Reihe verschiedenster archäologischer Funde des Frühmittelalters – Architekturelemente aus Stein und konserviertem Holz, Metallreste, Keramik, die Replik eines Siegelrings und menschliche Knochen. Mit Fotos von den Fundorten sowie Grabungszeichnungen kontextualisierte Frau Nieveler die jeweiligen Objekte in ihrem Auffindungszustand. Anhand dessen erklärte sie, wie das Material aufgefunden, geborgen und datiert wird und welche Erkenntnisse zur Gesellschaft und zum Alltagsleben der Menschen in Spätantike und Frühmittelalter aus den einzelnen Funden und ihrem Fundkontext gezogen werden können. Daran anschließend vermittelte sie, wie diese Informationen in der finalen Ausstellung durch die Einbindung der Funde in ein Raumnarrativ präsentiert werden.

Im Anschluss an die Führung wurde in den Räumlichkeiten des Depots die Sitzung des wöchentlichen Seminars abgehalten. Mit dem Sitzungsthema „Infrastrukturen des Frankenreiches in Schriftquellen und Archäologie“ konnte diese fließend an die vorangegangene Führung und die dort präsentierten Objekte und Einblicke anschließen. Der Besuch im Depot verschaffte den Studierenden somit einen Eindruck davon, wie wichtig die Archäologie auch für historische Forschung und Fragestellungen zum Frühmittelalter ist und wie sehr sie unser Verständnis dieser Epoche prägt.

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Ein Beitrag von: Malte John

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Vormoderne Mobilität in Zeit und Raum abbilden – Digitale Perspektiven

24.03.2026 – 25.03.2026: Tagungsbericht

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© Sarti

Einleitung

Digitale Methoden sowie neue Formen der Datenauswertung und -aufbereitung bieten vielversprechende neue Perspektiven für die Untersuchung vormoderner Mobilität. Die digitale Erfassung von Routen, Infrastrukturen, Personen und Netzwerken eröffnet neue Möglichkeiten zur Erforschung von Reiseaktivität und Alltagsbewegungen in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit. Zugleich gehen diese Methoden mit neuen Herausforderungen einher und werfen grundlegende Fragen bezüglich der Vorgehensweise bei der Quellenarbeit, der Erhebung und Präsentation von Daten sowie der hierzu verwendeten Modelle auf. Mit diesen Fragen und den damit verbundenen Problemstellungen setzte sich nun der interdisziplinäre Workshop „Vormoderne Mobilität in Zeit und Raum abbilden. Digitale Perspektiven“ auseinander. Organisiert wurde dieser von Prof. Dr. Laury Sarti an der Universität Bonn und fand mit der Unterstützung einer DFG-Heisenbergförderung in der Abteilung für Mittelalterliche Geschichte des Instituts für Geschichtswissenschaft statt. 

Eröffnet wurde der Workshop von LAURY SARTI mit einer methodischen Standortbestimmung zur digitalen Erforschung vormoderner Mobilität. Im Zentrum stand die Frage, wie Bewegungen, die in den Quellen oft nur anhand indirekter, lückenhafter oder unscharfer Angaben greifbar sind, durch geschichtswissenschaftliche, archäologische, wegehistorische und digital-humanistische Zugänge modelliert werden können. Mobilität erschien dabei als analytisches Problem, das zeitliche, räumliche und soziale Dimensionen verbindet. Hierbei wurde auf Nodegoat eingegangen, eine webbasierte Forschungsumgebung zur Modellierung und Visualisierung historischer Daten, und inwiefern diese es ermöglicht, über prosopographische, geographische und chronologische Informationen historische Bewegungsmuster sichtbar zu machen. Hierfür wurden Angaben aus spätmittelalterlichen Briefkorpora genutzt, insbesondere die Paston Letters und die Veckinchusen-Korrespondenz, die es ermöglichen, Alltagsmobilität nicht-elitärer Gruppen punktuell zu erfassen. Zugleich wurde auf die Grenzen digitaler Visualisierungen eingegangen, denn solche können vergangene Bewegung nicht wahrheitsgetreu abbilden, ein Ziel, dessen Realisierung durch die lückenhafte Überlieferung stark eingeschränkt ist.

Sektion I: Datengewinnung und Visualisierung nicht-hierarchischer Räume  

SARAH LENTZ (Bremen) widmete sich in ihrem Vortrag der Frage, wie frühneuzeitliche Fremdenlisten für die Rekonstruktion marginalisierter mobiler Gruppen ausgewertet werden können. Grundlage bildeten die zwischen 1762 und 1802 im Regensburgischen Diarium veröffentlichten Listen, deren periodisches und halbstrukturiertes Format eine semi-automatische Informationsextraktion begünstigt. Das Potenzial des Materials zeigte Lentz anhand ausgewählter Datenschnitte: Für die Zeit vom 6. Juli bis zum 31. Dezember 1762 wurden 2.126 Reisende und rund 3.500 Begleitpersonen erfasst, darunter 1.962 Männer und 164 Frauen. Gerade die weiblichen Reisenden ließen unterschiedliche Mobilitätsmuster erkennen; so war etwa die Hälfte der erfassten Händlerinnen zu Fuß unterwegs. Beispiele wie Madame Müller aus London, die als Händlerin mit Kosmetika per Postkutsche über Stationen wie München, Mannheim und Wien reiste, oder Catharina Stöber, mit 20 dokumentierten Aufenthalten zwischen 1770 und 1805, machten deutlich, wie aus seriellen Einträgen individuelle Bewegungsprofile gewonnen werden können. Methodisch verband der Beitrag Transkribus-basierte Volltexterkennung mit einem LLM-basierten NER-Verfahren und diskutierte auf dieser Basis die Möglichkeiten und Grenzen generativer KI für die Analyse historischer Mobilitätsdaten. 

PIM VAN BREE und GEERT KESSELS, die Entwickler von Nodegoat, stellten ihre webbasierte Forschungsumgebung vor, die aktuell von rund 3.000 Forschenden und etwa 50 Institutionen genutzt wird und historische Bewegungsdaten trotz quellenbedingter Unschärfen modellierbar macht. Im Zentrum stand die Frage, wie unsichere Datierungen, ungenaue Lokalisierungen, historische Regionen und indirekt erschließbare Bewegungen zwischen bekannten Aufenthaltsorten präzise erfasst werden können. Kessels beschrieb Mobilität dabei als Ergebnis miteinander verbundener Spuren, die Personen oder Objekte in Raum und Zeit hinterlassen haben. Van Bree demonstrierte dies anhand von Projekten zu niederländischen frühneuzeitlichen Künstlernetzwerken sowie zum Repertorium Academicum Germanicum. Besonders wichtig erschien die Möglichkeit, unterschiedliche Grade von Unsicherheit im Datenmodell selbst zu definieren, was Nodegoat für heterogene historische Fragestellungen und Quellenbestände anschlussfähig macht. Visualisierungen einzelner Bewegungsprofile, die Einbindung von Routenmodellen wie Viabundus, einem digitalen Kartierungstool, sowie Beispiele zu Seewegen und Schiffsrouten zeigten, wie Lücken in Zeit und Raum sichtbar gemacht werden können, ohne die Unsicherheit der Quellen zu nivellieren.  

LAURIN HERBERICH (Heidelberg) nahm die Visualisierung nicht-hierarchischer Räume und unscharfer Itinerare in den Blick. Als Anwendungsbeispiel diente die Database of Medieval Maritime Predation (DMMP), die im Rahmen des Heidelberger Projekts „Medieval Maritime Predation: A Database Supported Analysis of Mediterranean Violence“ entsteht. Nach den im Vortrag genannten Zahlen umfasst der Datenbestand 1.150 Dokumente, 1.943 Ereignisse, 1.998 Personen, rund 3.500 Schiffe und 341 Waren. Im Zentrum stand das Problem, maritime Räume, Routen und Aufenthaltsorte abzubilden, die sich weder eindeutig hierarchisieren noch immer präzise lokalisieren lassen. Herberich stellte hierfür zwei für Neodash entwickelte Karten-Plug-ins vor, die Cypher-Abfragen auf Neo4j-Daten für die Visualisierung nutzbar machen. Ein Polygon-Plug-in sollte die Auswahl bestimmter Räume auf der Karte und die tabellarische Auswertung der zugehörigen Daten ermöglichen; ein Itinerary-Plug-in zielte darauf, unscharfe Routen sowie Informationen zu Orten und Aufenthalten gemeinsam darzustellen. Der Beitrag machte damit deutlich, dass Visualisierungen historischer Bewegungsdaten vor allem dort analytisch produktiv werden, wo sie fragmentarische und räumlich unsichere Informationen zugänglich machen, ohne deren Unschärfe zu verdecken.  

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Sektion II: Infrastruktur, Herrschaft und kontrollierte Wege

Im ersten Vortrag der zweiten Sektion widmete sich MARIA C. DENGG (Magdeburg) der infrastrukturellen Entwicklung von Furten von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Am Beispiel einer Furt über die Unstrut bei Kleinjena stellte sie die Methodik ihres Promotionsprojektes vor. Eine geomorphologische Untersuchung mache ihre Lage fassbar. Neolithische Funde und ein in der Nähe gelegenes antikes Gräberfeld ließen auf eine frühe Besiedlung der Region schließen. Im Frühmittelalter sei eine Intensivierung der Nutzung erkennbar, die um das Jahr 1000 mit der Gründung der Burg Jena und der Entstehung einer Marktsiedlung ihren Höhepunkt erreicht habe. Mit der Gründung der Städte Naumburg und Freyburg habe die Furt an Bedeutung verloren, doch die Nutzung sei in der Frühen Neuzeit wieder gestiegen. Diesen Verlauf präsentierte Dengg als Nutzungsdiagramm. Durch einen Vergleich verschiedener Furten ließe sich so ein Muster erkennen, das einen infrastrukturellen Ausbau der Furten im Frühmittelalter, durch herrschaftliche Akteure betriebene Zentralisierung im Hoch- und Spätmittelalter und schließlich eine Konsolidierung des Zustandes in der Frühen Neuzeit aufzeige.

NIELS PETERSEN (Göttingen) befasste sich in seinem Vortrag mit der Frage, wie sich im Rahmen der bereits kartierten Infrastruktur die tatsächlich genutzten Transportrouten geographisch erfassen lassen. Als zentral sah er hierfür die Rolle der sogenannten Landwehren. Hierbei handelte es sich um komplexe Graben- und Heckensysteme, die den Verkehr durch bestimmte Durchlässe leiteten. Auch Flüsse wurden als natürliche Barriere zu diesem Zweck genutzt. Warten oder Brücken an den Durchlass- und Überquerungspunkten dienten der Erhebung von Zöllen. Petersen betonte, dass diese nicht an den Grenzen, sondern innerhalb der jeweiligen Territorien errichtet worden seien. Quellen bezögen sich in der Beschreibung von Reisen auf diese Durchlässe, wodurch man die Routen in Viabundus nachvollziehen könne. Auf dieser Grundlage argumentierte Petersen mit Verweis auf den von Luca Scholz geprägten Begriff der ‚Kanalisierung physischer Mobilität‘ auf eine punkt- anstatt streckenbezogene Kartierung vormoderner Reiserouten.

Im letzten Vortrag der Sektion beschäftigte sich CASPAR EHLERS (Max-Planck-Institut) mit der Erschließung Altsachsens im Hochmittelalter. Die Untersuchung kaiserlicher Itinerare, die aus ihren Urkunden rekonstruierbar seien, lasse eine allmähliche Verlagerung der Herrschaftsausübung gen Süden erkennen. Während der Schwerpunkt Ottos I. vor allem im Nordosten seines Reiches lag, verlagerte er sich unter Heinrich IV. zunächst ins Zentrum und ab Friedrich I. in den Süden. Die Infrastruktur des Nordens sei nicht von den Herrschern, sondern vielmehr von der Hanse verdichtet worden. Besonders widmete Ehlers sich der Rolle der Klöster bei der Erschließung dieses Gebiets. Der Raum Altsachsen sei geprägt von den Gletscherverschiebungen der Weichsel-Kaltzeit und aufgrund seiner geographischen Beschaffenheit zunächst nicht für Klostergründungen geeignet gewesen. Erst mit der Entstehung neuer technischer Innovationen im Laufe des Mittelalters sei die Region für die Orden nutzbar geworden. 

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Dies demonstrierte er anhand einer statistischen Auswertung von rund 500 Klostergründungen vom 8. Jahrhundert bis ins Jahr 1250: Die meisten von ihnen erfolgten durch den Zisterzienserorden, der über die technische Expertise verfügte, die für die Errichtung der Bistümer unter den geographischen Gegebenheiten notwendig war. Darauf beruhend plädierte Ehlers für die Betrachtung der Morphologie vor der Erfassung der Daten, da das Gelände die Mobilitätsentwicklung einer Region entscheidend präge.

Sektion III: Modellierung von Mobilität zwischen Abstraktion und Landschaft

Der Vortrag von ROWIN VAN LANEN (Cultural Heritage Agency of the Netherlands) eröffnete die dritte Sektion mit der Modellierung vormoderner Routennetzwerke in den dynamischen Tieflandlandschaften der Niederlande. Mobilität sei in solchen Räumen weniger über feste Straßen als über flexible Bewegungskorridore zu erfassen, die durch fluviale, küstennahe und geomorphologische Veränderungen sowie menschliche Eingriffe geprägt wurden. Das erste Jahrtausend n. Chr. erwies sich dabei als besonders aufschlussreich, da sich in dieser Phase klimatische, kulturelle und siedlungsstrukturelle Veränderungen verdichteten. Im Zentrum stand ein GIS- und multiproxi-basiertes Modell, das geomorphologische, archäologische und siedlungsgeschichtliche Daten verband. Mithilfe von Accessibility-Analysen und „network friction“ wurden wahrscheinliche Verbindungen zwischen Siedlungen rekonstruiert und anhand archäologischer Funde validiert. Die Ergebnisse zeigten, dass Routennetzwerke weniger als fixe Linien denn als quantifizierbare Korridore zu verstehen sind, die über lange Zeiträume in denselben Zonen wiederkehrten und damit eine ausgeprägte path dependency sowie landschaftsgebundene Persistenz aufwiesen.

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BART HOLTERMANN (Göttingen) diskutierte dann den Aussagewert von Least-Cost-Path-Berechnungen für die Rekonstruktion vormoderner Reiserouten und Reisezeiten. Grundlage war der Vergleich berechneter Routen mit 26 in Itineraren und Rechnungen überlieferten Reisen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, darunter hansische Gesandtschaftsreisen, Albrecht Dürers Niederlandreise und Reisen Lupold von Wedels. Getestet wurden Luftlinien, moderne Straßennetze, Viabundus-Routen sowie unterschiedliche Geschwindigkeitsparameter, jeweils mit und ohne überlieferte Zwischenstationen. Die Ergebnisse zeigten, dass detaillierte historische Wegenetze zwar etwas bessere Resultate liefern, die berechneten Reisezeiten aber häufig deutlich von den Quellen abweichen. Gründe dafür lagen in individuellen Entscheidungen, Wetter, wechselnden Verkehrsmitteln, Nachtfahrten, Fährzeiten, Fehllektüren und der schwierigen Umrechnung von Geschwindigkeiten in Tagesetappen. Für grobe Annäherungen können daher auch Luftlinien oder moderne Routennetze ausreichen; präzisere Modellierungen erfordern eine weitere Anpassung der Viabundus-Parameter. 

Schließlich untersuchte PIERRE FÜTTERER das Verhältnis von Verkehr und Umwelt in der Vormoderne und rückte die landschaftsformende Wirkung historischer Mobilität in den Vordergrund. Während Schäden an kritischer Infrastruktur, etwa an Brücken durch Überschwemmungen oder Eisgang, gut untersucht sind, sei der Einfluss des Verkehrs auf die Umwelt selbst bislang wenig beachtet worden. Anhand von Geländebefunden und LiDAR-Daten zeigte Fütterer, dass vormoderne Verkehrsräume teils massive Eingriffe in die Landschaft darstellten. Hohlwege, Paralleltrassen und Spurrillen verweisen auf eine polylineare Verkehrspraxis, in der Wege als breite und sich verlagernde Bewegungsräume zu verstehen sind. Vormoderne Mobilität erschien damit als aktiver, raumgestaltender Prozess, der Erosion, Sedimentablagerungen, Rodungen sowie die Entnahme von Kies, Schotter und Erde einschloss. Für ihre Rekonstruktion plädierte Fütterer für die Verbindung von Geländebefunden, LiDAR-Daten, Schriftquellen, sedimentologischen Analysen und GIS-gestützten Verfahren. 

Sektion IV: Diskussion der digitalen Werkzeuge und Besprechung der Perspektiven einer digitalen Rekonstruktion vormoderner Mobilität 

LAURY SARTI eröffnete die Diskussion mit der Feststellung, dass sich die Themen der unterschiedlichen Vorträge sehr eng miteinander verzahnt hätten. Die Beiträge fokussierten sich auf ähnliche Problemstellungen rund um technische Lösungen zur Beantwortung von Fragestellungen bezüglich der Erfassung von Reiserouten, der infrastrukturellen Entwicklung und der Schätzung von Reisegeschwindigkeiten. Auch in der folgenden Diskussion bildeten die Datenerfassung und -auswertung einen Schwerpunkt. Rowin van Lanen betonte methodische Unterschiede in Datenerhebungen zu unterschiedlichen Epochen sowie die Zentralität der Forschungsfrage für die jeweilige Herangehensweise. Auch Gert Kessels hob diese grundlegenden Fragen hervor. Fundamental sei die Überlegung, welches Modell für die Auswertung von Daten verwendet würde. Es sei unbedingt zu beachten, dass die computerbasierte Auswertung mit zunehmender Größe auch an Spezifität verlieren könne. 

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© Prof. Dr. Laury Sarti

Zugleich betonte Sarti die Wichtigkeit einer groß angelegten Untersuchung, da nur große Datenmengen aufschlussreiche Ergebnisse bieten könnten. Bart Holtermann fügte dem hinzu, dass ein umfangreicher Datensatz auch Leerstellen und Lücken in der Überlieferung füllen könne. Sowohl Sarti als auch Kessels legten Wert auf die zukünftigen Entwicklungen der Technologie, mit denen sich neue Möglichkeiten für die Forschung eröffnen könnten.

Zugleich offenbarte die Diskussion auch das Potential für weitere Forschungsfragen und -ansätze. Andrea Stieldorf bemerkte, dass in den Vorträgen der Tagung vor allem Infrastruktur und Reiserouten im Vordergrund gestanden hätten, dass aber auch ein stärkerer Fokus auf Akteuren und der spätmittelalterlichen Wahrnehmung des Reisens wichtige Erkenntnisse bieten könne. Auch Petersen hob die Bedeutung der Reisenden hervor. Die Quellen würden sich unter anderem auch für Fragestellungen zur Geschlechtergeschichte anbieten. Van Lanen wies auf die geographische Dimension des Reisens hin. Die meisten Forschungsprojekte seien regional eingeschränkt. Eine Ausweitung der Betrachtung würde sicher neue Erkenntnisse liefern. Dem schloss sich Caspar Ehlers an, der eine Untersuchung der Reichweite von Netzwerken anhand von Objekten vorschlug. Auch Ulf Floßdorf wies auf das Potential von Objekten als Untersuchungsgegenstand mit Bezug zu Reise- und Handelsnetzen hin.

Somit schloss der Workshop mit weiteren Perspektiven auf die bereits in den jeweiligen Beiträgen hervorgehobenen technischen Herausforderungen, mit denen sich die Forschung zur vormodernen Reiseaktivität konfrontiert sieht. Zugleich demonstrierte die abschließende Diskussion die breitgefächerten Möglichkeiten, die digitale Tools für die Erhebung, Auswertung und Präsentation für Untersuchungen zu diesem Themenfeld bieten. Schließlich trat hier deutlich hervor, dass das Themengebiet des Reisens in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit noch zahlreiche unbeantwortete Fragen aufwirft und vielseitige Facetten bietet, die es noch zu erforschen gilt.

Erstmalig veröffentlicht wurde dieser Beitrag unter https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-163564?utm_source=hsozkult&utm_medium=htmlnl&utm_campaign=mailings-2026-7&utm_content=subject.

Das Programm der Veranstaltung können Sie hier einsehen.

Ein Beitrag von: Aleksandra Modelina und Malte John

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Ein fränkischer König aus Konstantinopel? Die Gundowald- Verschwörung (581–584) und das Problem ihrer 

Überlieferung

20.05.2026: Antrittsvorlesung Prof. Dr. Laury Sarti

In den späten 570er Jahren reiste ein merowingischer Adliger über das Mittelmeer. Möglicherweise bestieg er sein Schiff in Marseille, Ziel war die goldene Kaiserstadt Konstantinopel. Dort angekommen, suchte er nach einem Franken namens Gundowald, der sich zu dieser Zeit in der goldenen Stadt am Bosporus aufgehalten haben soll. Als der Reisende aus dem fränkischen Gallien Gundowald fand, soll er ihm ein Angebot unterbreitet haben. Dieses ist uns in einer direkten Rede überliefert, die der Historiograph Gregor von Tours Gundowald kurz vor seinem Tod in den Mund legte. Ich zitiere: „Komm, denn es laden dich alle Großen im Reiche König Childeberts ein …. Wir wissen ja alle, daß du ein Sohn Chlothars bist, und es gibt keinen in Gallien mehr, der das Reich der Franken regieren könnte, wenn du nicht kommst.“ Gundowald sollte folglich zurück in die alte Heimat kehren und dort den ihm zustehenden Thron besteigen. Die Einladung nahm er an: 582 erreichte Gundowald die merowingische Hafenstadt Marseille zusammen mit einem großen Schatz. Dort angekommen, wurde er vom örtlichen Bischof Theodorus freundlich aufgenommen.

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Doch noch bevor Gundowald richtig in Gallien angekommen war, wurde der Plan einer Thronübernahme zunichtegemacht: Der austrasische dux Guntram Boso nahm den Bischof Theodorus von Marseille fest und riss Gundowalds Schatz an sich. Gundowald selbst flüchtete daraufhin auf eine nicht bekannte Insel, möglicherweise nach Lérins südlich des heutigen Cannes.

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Der zweite Usurpationsversuch

Gundowald sollte ein zweiter Versuch vergönnt sein. Hintergrund war der Tod König Chilperichs im Herbst 584, kurz nachdem dieser seine Tochter Rigunth mit vielen Schätzen nach Spanien verabschiedet hatte – sie sollte den westgotischen Prinzen Reccared heiraten. Die Nachricht vom Tod des Vaters erreichte Rigunth in Toulouse, wo sie von ihren Begleitern von der Notwendigkeit eines verlängerten Aufenthalts überzeugt worden war. Sogleich wurde die Prinzessin ihrer Schätze beraubt und sie selbst in Toulouse gefangen gesetzt. Gundowald befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Avignon bei zwei Mitverschwörern, dem dux Desiderius und dem patricius Mummolus. Zu ihnen stießen nun auch weitere Mitverschwörer aus Toulouse. 

Die Gruppe um Gundowald zog daraufhin nach Aquitanien, wo Gundowald im Dorf Brive-la-Gaillarde zum König erhoben wurde. Es folgte ein kurzer Feldzug, während dem Gundowald viele Städte Aquitaniens für sich gewinnen konnte und die Bewohner Treueide schwören ließ. Der Erfolg dieses zweiten Versuchs blieb jedoch ebenfalls nur von kurzer Dauer: Im März 585 musste sich Gundowald in die befestigte Stadt Saint-Bertrand-de-Comminges nördlich der Pyrenäen zurückziehen, wo er von König Guntram belagert und schließlich getötet wurde.

Obwohl die Chronologie der Ereignisse um die Gundowald-Affäre vergleichsweise gut überliefert ist, stellt das Unterfangen die Forschung bis heute vor viele Rätsel. Das Problem ist nicht, dass uns unterschiedliche Quellen sich widersprechende Darstellungen liefern. Ganz im Gegenteil: Tatsächlich verfügen wir weitgehend nur über eine – wenn auch recht ausführliche – Quelle, die Historien des Bischofs Gregor von Tours, eines Zeitzeugen der Ereignisse. Doch dieser hat uns eine Darstellung hinterlassen, die so widersprüchlich ist, dass es der modernen Forschung bis heute nicht gelungen ist, anhand der dort enthaltenen Informationen ein kohärentes und durch die Quellenangaben durchgehend gestütztes Gesamtbild zu rekonstruieren. Gregors Bericht zur Gundowald-Affäre gleicht damit einer Schnitzeljagd mit vielen widersprüchlichen Hinweisen und Andeutungen, die sich in ihrer Summe aber bisher nie vollständig haben entschlüsseln lassen. Jede vermeintliche Lösung des Rätsels stößt auf neue Widersprüche und neue Fragen oder auf Aussagen, die sich nicht mit der eigenen Deutung der Ereignisse in Einklang bringen lassen.

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© Prof. Dr. Laury Sarti (KI-generierte Darstellung)

Ziel meines Beitrags ist es, Sie nun durch Gregors Hinweise zu führen, um Ihnen einerseits die Schwierigkeiten, die mit ihrer Deutung verbunden sind, näherzubringen und andererseits natürlich auch meine eigene Auffassung zu den Ereignissen zu präsentieren – selbstverständlich nicht, ohne Ihnen bestehende lose Enden und offene Fragen vorzuenthalten. Im Folgenden werde ich mich zuerst unserer Hauptperson zuwenden, um dann auf den historischen Kontext der Ereignisse einzugehen. Es folgt eine kurze Darlegung einiger gängiger Forschungsthesen und Kontroversen, bevor ich mich mit der Frage nach den aus meiner Sicht plausiblen Zielen des Vorhabens widme. Ich werde dabei argumentieren, dass die Gundowald-Affäre weniger als isolierter merowingischer Usurpationsversuch zu verstehen ist, sondern vielmehr als Teil eines kaiserlich unterstützten Projekts zur politischen Neuordnung des Frankenreiches und zur Rückgewinnung Italiens. 

Dabei möchte ich auch nochmals die Frage nach der Position des Autors Gregor von Tours gegenüber den Ereignissen stellen. Am Ende des Vortrags steht die Frage nach den Auswirkungen der Ereignisse und ihrer historischen Bedeutung.

Wer war Gundowald?

Die Identität Gundowalds war damals wie heute umstritten. Unser Hauptzeuge, Gregor von Tours, erklärt zu Beginn seiner Darstellung der Ereignisse um ihn, ich zitiere: „Er war in Gallien geboren und wurde sorgfältig erzogen, die Locken ließ man ihm nach der Sitte der fränkischen Könige auf den Rücken fallen und unterwies ihn in den Wissenschaften; als er so herangewachsen war, stellte ihn seine Mutter König Childebert I. vor und sprach: ‚Siehe, das ist dein Neffe, der Sohn König Chlothars; und da ihm sein Vater Feind ist, nimm du dich seiner an, er ist ja dein Fleisch‘. Da Childebert selbst keine Söhne hatte, nahm er ihn an und behielt ihn bei sich. Das erfuhr König Chlothar und schickte Boten an seinen Bruder, die ihm sagten: ‚Laß den Knaben ziehen und zu mir kommen.‘ Da sandte dieser sofort den Jüngling an seinen Bruder. Als Chlothar ihn aber sah, befahl er, ihm die Locken abermals abzuscheren und sprach: ‚Den habe ich nicht gezeugt.‘“ (DLH 6.24) Nach dem Tod seines mutmaßlichen Vaters Chlothar wurde Gundowald zuerst von König Charibert in Paris und dann von König Sigibert in Metz aufgenommen, der ihm aber erneut die Locken abschnitt und ihn nun nach Köln verbannte. Von dort entkam er jedoch, zuerst nach Italien, wo er vom kaiserlichen General Narses aufgenommen wurde. Später zog er mit zwei Söhnen nach Konstantinopel. In seinen Historien erklärte Gregor: „Von dort (also Konstantinopel) kehrte er nach langer Zeit zurück – wie man erzählt, war er von einer gewissen Person eingeladen worden, nach Gallien zu kommen.“

Bis heute bleibt umstritten, ob Gundowald tatsächlich, wie er selbst behauptet haben soll, ein Sohn König Chlothars war. Seine Gegner haben ihn wiederholt als Hochstapler bezeichnet, dessen Name eigentlich Ballomer sei. Dieser Name lässt sich, so ein Vorschlag, mit „tapferer Herrscher“ übersetzen, es gibt aber auch weniger schmeichelhafte Übersetzungsvorschläge. Die Forschung ist sich darum unsicher, ob Ballomer als Personenname zu werten ist oder ob es sich nicht doch um ein Schimpfwort handelte, das dem Prätendenten galt.

Gregors Historien bieten uns sowohl Hinweise darauf, dass es sich bei Gundowald in der Tat um einen Hochstapler handelte, als auch solche, die auf das Gegenteil hindeuten – Sie sehen hier mit wenigen Stichpunkten die relevanten Quellenbelege auf der Folie. Gegen seine königliche Herkunft spricht, dass sein vermeintlicher Vater Chlothar ihn nicht als Sohn anerkannt haben soll und dass sein vermeintlicher Halbbruder, König Guntram, ihm eine niedere Herkunft attestierte. Genauer soll der König behauptet haben, „Ballomer“ sei der Sohn eines Müllers und eines Webers. Des Königs Krieger sollen außerdem kurz vor Gundowalds Tod unterstrichen haben, bei dem als „Ballomer“ Bezeichneten handele es sich um einen Anstreicher, der in Chlothars Bethäusern tätig gewesen sei.

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Doch gerade die Vehemenz, mit der Gundowalds königliche Herkunft bestritten wurde, sowie die Dynamiken um ihn bezeugen, dass Gundowalds Thronanspruch politisch gefährlich war. Besonders relevant ist die Darstellung Gregors von Tours selbst, auf die ich später noch genauer eingehen werde. Dieser erwähnt, wie wir gesehen haben, Gundowalds hervorragende Erziehung, seine nachweislich den Merowingerkönigen vorbehaltenen langen Haare, seine Aufnahme durch mehrere merowingische Könige sowie später durch Narses in Italien und dann den Kaiser selbst. Außerdem lässt Gregor den Prätendenten Gundowald zweimal Gott als Richter für seine Unschuld anrufen. Besonders bezeichnend ist der Umstand, dass Gundowald sich, Gregor zufolge, auf Radegunde und Ingotrude als Zeuginnen für seine Identität berufen haben soll. Bei Radegunde, die erst zwei Jahre nach Gundowald sterben sollte, handelte es sich um niemand Geringeren als die ehemalige Königin und Ehefrau König Chlothars, also Gundowalds vermeintlichen Vater. Radegunde lebte zu dieser Zeit in einem Kloster in Poitiers, ganz in der Nähe von Tours und nicht weit von den Geschehnissen entfernt. Es scheint deshalb durchaus plausibel, dass Gundowald tatsächlich für einen Sohn Chlothars gehalten wurde. Ein möglicher Grund für seine Nichtanerkennung durch seinen Vater ist der Umstand, dass Chlothar bei Gundowalds Geburt bereits fünf Söhne hatte – Gundowald dürfte der Letztgeborene gewesen sein, seine Mutter eine nur kurzzeitig von Chlothar bevorzugte Konkubine. Ein weiterer Thronerbe hätte den Herrschaftsanspruch der anderen Söhne weiter geschwächt.

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Historischer Kontext 

Die Gundowald-Affäre gehört in eine Zeit politischer Instabilität, sowohl in Gallien als auch in Italien. Im merowingischen Gallien waren seit dem Tod Chariberts I. im Jahr 567 die Bruderkriege ausgebrochen, die erst ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 613, beendet sein sollten. Der Tod des neustrischen Königs Chilperich im Jahr 584 wird in der Forschung gewöhnlich in diesem Zusammenhang verstanden. Nach dessen Tod war das Merowingerreich zwischen den Teilreichen Austrasien unter dem minderjährigen König Childebert II., Burgund unter Gundowalds Bezwinger König Guntram und Neustrien aufgeteilt. Den Konflikt sollte am Ende aber das kleine Neustrien gewinnen, geleitet von Chilperichs Sohn Chlothar II. Dieser wurde erst 584 geboren; seine Existenz wurde erst während der zweiten Auflage der Gundowald-Affäre bekannt.

Auch Italien hatte in der Mitte des 6. Jahrhunderts deutliche Umwälzungen erlebt. 554 hatten die Gotenkriege ein Ende gefunden, woraufhin die Region direkt vom Kaiserhof in Konstantinopel aus verwaltet wurde. Doch diese Situation sollte nicht lange Bestand haben, denn nachdem die Langobarden zunächst versucht hatten, nach Gallien vorzudringen, fielen sie 568 in Italien ein. Seither hatten die byzantinischen Kaiser zwar versucht, diese wieder aus Italien zu vertreiben, jedoch ohne den erwünschten Erfolg. Ihr letzter Versuch scheiterte um 575. Seither konnte sich das Reich ein solches Unterfangen aufgrund zunehmender Bedrohungen durch Awaren, Sassaniden und Slawen nicht mehr leisten. Die Franken wurden damit potenziell zu den wichtigsten militärischen Verbündeten des Imperiums gegen die Langobarden.

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Relevante Forschungsthesen

Die Gundowald-Affäre hat die Forschung bereits intensiv beschäftigt; neben den vielen einschlägigen Aufsatzstudien hat der amerikanische Historiker Bernard Bachrach mit The Anatomy of a Little War sogar ein Buch zu diesem Unterfangen gefüllt. Führende Frühmittelalterspezialisten wie Ian Wood oder Walter Goffart haben sich der Angelegenheit ebenfalls mehrfach gewidmet. Die Meinungen zu den Geschehnissen selbst gehen dabei weit auseinander, wie die folgenden Beispiele zeigen werden.

Bernard Bachrach, der zum Thema eine Monographie schrieb, verstand Gundowald als legitimen Sohn Chlothars I. und damit als grundsätzlich thronberechtigten Merowinger. Die Gundowald-Affäre selbst entstand seiner Auffassung nach nicht erst in den 580er Jahren, sondern bereits seit den 560er Jahren im Zusammenhang mit den Nachfolgekonflikten, die auf den Tod Chlothars folgten. In der Aufnahme Gundowalds im byzantinischen Italien und am kaiserlichen Hof sah Bachrach einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Franken, Westgoten und Byzanz. Er schlug vor, Gundowald habe ursprünglich Norditalien von den Langobarden schützen sollen, indem er in den sogenannten „fränkischen Provinzen“ – Ligurien, Venetien und den Cottischen Alpen – als fränkischer König vom Kaiser eingesetzt werde. Von dort aus sollte er die Langobarden bekämpfen und kaiserliche Interessen sichern.

Erst in einer zweiten Phase, unter Kaiser Tiberius II., der von 578 bis 582 regierte, habe sich das Projekt verändert. Nun sollte Gundowald offenbar als Gegenkönig gegen Guntram in Burgund eingesetzt werden, mit der Unterstützung König Chilperichs. Gundowald sollte Guntrams Platz in Burgund einnehmen und fränkische Truppen gegen die Langobarden schicken. Bachrach interpretierte die Gundowald-Affäre damit als gemeinsames Projekt von Byzanz, Chilperich und Teilen der austrasischen Elite. Allerdings entwickelte Bachrach seine Thesen, die weit in die Zeit vor 582 reichen, auf Basis von Wahrscheinlichkeiten; konkrete Quellenbelege zu den Geschehnissen vor 582 sind auf die wenigen Sätze beschränkt, die ich Ihnen vorhin aus Gregors Historien zitiert habe.

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Walter Goffart hat bereits 1957 seinen ersten Aufsatz zum Thema geschrieben, der zweite folgte 2012, also 55 Jahre später, was für sich bereits beachtlich ist. In dieser zweiten Studie argumentierte Goffart, dass die Einladung Gundowalds nach Gallien wesentlich auf die Initiative fränkischer Großer zurückging. Insgesamt handele es sich bei der Gundowald-Affäre nicht nur um einen persönlichen Usurpationsversuch, sondern um eine breit angelegte Reaktion fränkischer Großer auf die Krise der merowingischen Dynastie. Da die bestehenden Könige schwach, minderjährig oder ohne gesicherte Erben waren, hätte eine Gruppe merowingischer Großer Gundowald gerufen mit dem Auftrag, die Herrschaft zu stabilisieren und die Dynastie zu erneuern. Das Unternehmen sei jedoch gescheitert, da es der bestehenden Dynastie gelungen sei, sich erneut zu konsolidieren. Weder die austrasische Königin Brunhilde noch der Kaiser seien maßgeblich daran beteiligt gewesen.

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Der französische Byzantinist Constantine Zuckerman argumentierte dagegen, dass Gundowalds Rückruf aus Konstantinopel weder ein Komplott austrasischer Großer noch eine neustrisch-byzantinische Intrige gegen König Guntram sei. Vielmehr sei der Rückruf ein offizielles politisches Projekt der austrasischen Königinmutter Brunhilde und ihres Regenten Gogo gewesen. Ziel sei es gewesen, Gundowald durch die Ehe mit Brunhilde zum König des austrasischen Teilreiches zu erheben, da der junge König Childebert II. gesundheitlich gefährdet sei. Dadurch sollte die politische Stabilität Austrasiens gesichert und Brunhildes rechtmäßige Stellung als Königin wiederhergestellt werden. Das Projekt scheiterte Zuckerman zufolge jedoch, da sich die politische Lage in Austrasien stabilisiert hatte. Die spätere Erhebung Gundowalds gegen Guntram hingegen sei das Produkt einer späteren Phase der Affäre gewesen.

Der direkte Vergleich der jeweiligen Auffassungen dieser drei Historiker belegt den außergewöhnlich breiten Interpretationsspielraum der wenigen vorhandenen Quellen. Ein zentraler Grund ist die bereits erwähnte Erzählweise Gregors von Tours, der offenbar mehr wusste, als er uns mitteilte. Dass Gregor nicht unbedacht über die Ereignisse erzählte, lässt sich am Beispiel der Einladung Gundowalds illustrieren.

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Guntram Boso

Als Gregor in seiner Position als Erzähler von der Person sprach, die nach Konstantinopel reiste, nannte er diese nicht explizit. Stattdessen meinte er nur, wie eingangs bereits zitiert, Gundowald sei „wie man erzählt von einer gewissen Person eingeladen worden“ (6.24). Dass damit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der austrasische dux Guntram Boso gemeint war, eine der ambivalentesten Persönlichkeiten des merowingischen Reiches, erfährt man vom gleichen Autor nur dort, wo er diese Information als direkte Rede einem anderen in den Mund legen konnte. Auf diese Weise wird Guntram Boso insgesamt viermal als die Person identifiziert, die Gundowald nach Konstantinopel eingeladen hatte, darunter zweimal von König Guntram sowie jeweils einmal von Gundowald selbst und von seinen Anhängern.

Vor diesem Umstand stellt sich die Frage, wie der Autor selbst zu den Geschehnissen um Gundowald stand. Gregor war nicht nur Zeitgenosse, sondern auch Bischof, und das in der politisch durchaus relevanten Stadt Tours. Dadurch war er mit vielen Hauptakteuren persönlich vertraut. Tours selbst gehörte lange zum austrasischen Reich König Sigiberts; nach dessen Tod wurde es aber regelmäßig vom neustrischen König Chilperich angegriffen und zuweilen erobert. Nach dessen Tod 584 kam Tours unter den Einfluss des burgundischen Seniorkönigs Guntram, ein Umstand, den wir bei der Bewertung von Gregors Bericht zum Gundowaldaufstand berücksichtigen müssen.  

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Gregor von Tours

Ein genauer Blick auf Gregors Darstellung der Geschehnisse lässt vermuten, dass Gregor nicht nur mehr wusste, als er uns preisgab, sondern auch selbst Position innerhalb des Konflikts eingenommen haben dürfte. Besonders auffällig sind seine Hinweise, dass zentrale Akteure, die des Verrats beschuldigt wurden, seiner Auffassung nach tatsächlich unschuldig seien. Gregor berichtet z. B., dass kurz nachdem der Bischof Theodor von Marseille verhaftet wurde, da er Gundowald aufgenommen hatte, im Kerker Folgendes passiert sei: Als der Bischof, ich zitiere, „einst in der Nacht inbrünstig zum Herrn betete, wurde die Zelle von überhellem Glanz erleuchtet, so dass der Begleiter, welcher ihn bewachte, gewaltig erschrak; und über dem Haupte des Bischofs sah man zwei Stunden lang eine Kugel, die hatte einen unendlichen Lichtglanz“. Gleichzeitig lässt Gregor den Bischof erklären, er habe nichts aus eigenem Antrieb getan, sondern habe den Bitten eines Briefes der Großen König Childeberts entsprechend gehandelt (DLH 6.24). Es ist damit recht offensichtlich, dass Gregor von der Unschuld Theodors überzeugt war.

Unschuldiger Gundowald?

Es gibt weitere Hinweise. So wird z. B., wie erwähnt, immer wieder Gundowalds Unschuld angedeutet. Neben den beiden Anrufungen Gottes erwähnt Gregor mehrmals anhand direkter Reden, Gundowald sei auf Einladung austrasischer Großer nach Gallien gekommen – also nicht auf eigenen Antrieb (DLH 7.36). Seine Sicherheit sei ihm dabei „bei zwölf heiligen Stätten“ geschworen worden (DLH 7.36). Bezogen auf den Moment kurz vor seinem Tod bietet Gregor ein sehr menschliches Porträt des Prätendenten, dessen Tränen die Enttäuschung gegenüber seinen Anhängern ausdrücken, die ihn verraten hatten. Ein andermal erklärte Gregor seinen Lesern, nachdem er dargelegt hatte, König Guntram habe Gundowald als „Ballomer“ bezeichnet, „so nannte der König Gundowald“ (DLH 7.14). Diese Formulierung legt nahe, dass Gregor der Meinung war, dass „Ballomer“ nicht der korrekte Name des Prätendenten aus Konstantinopel sei. Bereits erwähnt hatte ich wiederum, dass Gregor auch die ehemalige Königin Radegunde als Zeugin für Gundowalds Identität nannte (DLH 7.36), eine Person, die Gregor persönlich kannte und die den Bischof von Tours sehr wahrscheinlich über die tatsächlichen Gegebenheiten informiert hatte. Es besteht damit kaum Zweifel, dass Gregor von Tours nicht nur der Auffassung war, dass Gundowald tatsächlich König Chlothars Sohn war, sondern auch der Meinung gewesen zu sein scheint, dass Gundowald nicht grundsätzlich mit schlechten Absichten nach Gallien gekommen war.

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Der Plan

Doch was stand hinter der Gundowald-Affäre? Wenn wir uns auf die vorhandenen Quellen selbst konzentrieren, mit dem Ziel einer Deutung, die möglichst wenige Vorannahmen erfordert und möglichst wenige offene Fragen hinterlässt, so entsteht der Eindruck, dass der geplante Umsturzversuch nicht auf ein bestimmtes Königreich abgezielt haben kann, sei es Burgund – wie von Bachrach vermutet – oder gar Aquitanien, mit dem sich Gundowald schließlich zufriedengeben musste. Hierfür gibt es mehrere Hinweise: Nach Gregor von Tours hatte Gundowald geplant, Paris zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. Diese Stadt war zuerst der Hauptsitz von König Chlodwig, dem ersten fränkischen Großkönig. Nach dem Tod Chariberts I. 567 hatten die Könige ausdrücklich beschlossen, dass nur solche diese Stadt als Hauptsitz nehmen dürften, die über das gesamte Frankenreich herrschten. Da Gundowald über diese Regelung informiert worden sein dürfte, setzt das Vorhaben, Paris als Hauptstadt zu wählen, ein klares Statement für ein gesamtfränkisches Reich. Die am Umsturzversuch Beteiligten bestätigen diesen Eindruck: Dreizehn Bischöfe aus allen fränkischen Teilreichen hatten sich angeschlossen. Besonders auffällig ist, dass sich auch einige der wichtigsten Magnaten aus jedem der drei vorhandenen Königreiche der Verschwörung angeschlossen hatten: der bereits erwähnte austrasische Herzog Guntram Boso, der die Einladung vornahm, der neustrische Herzog und wichtigste Heerführer König Chilperichs, Desiderius, sowie der burgundische patricius Mummolus, der von Avignon aus operierte. Dieser hatte in den 570ern mehrmals erfolgreich gegen die Langobarden gekämpft. Er brachte damit eine für das gesamte Unterfangen nicht unerhebliche Expertise mit.

In seinen Historien erwähnte Gregor von Tours nicht nur, dass Gundowald mit einem großen Schatz in Marseille ankam, sondern auch, dass der Kaiser im Anschluss an den Tod Gundowalds alles daran setzte, dass zumindest das austrasische Frankenheer für ihn gegen die Langobarden in Italien zog, um diese von dort zu vertreiben. Wie bereits eingangs erwähnt, siedelten diese seit 568 auf der italischen Halbinsel, und das Kaisertum hatte nicht die militärischen Mittel, sie von dort zu vertreiben. Dass der Schatz, mit dem Gundowald nach Gallien kam, vom Kaiser stammte, ist allgemeiner Forschungskonsens. Nennenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Gregor zufolge Gundowalds Heer Kamele umfasste (DLH 7.35).

Die Vehemenz, mit der Kaiser Maurikios schließlich auf die Entsendung fränkischer Truppen gegen die Langobarden bestand, ist tatsächlich nicht nur durch Gregors Historien bezeugt, sondern auch durch die zeitgenössischen Austrasischen Briefe – darunter Korrespondenz, die in den 580ern zwischen Maurikios und der austrasischen Königsfamilie ausgetauscht wurde, also Childebert und Brunhilde. In Konstantinopel dürfte die politisch fragmentierte Landschaft der fränkischen Reiche bekannt gewesen sein, und auch, dass nicht alle Könige gewillt waren, ihre Armeen gegen die Langobarden ziehen zu lassen. Die Einladung Gundowalds nach Gallien implizierte für den Kaiser die Möglichkeit, die alten Könige durch einen neuen zu ersetzen, der dem Imperium treu war und wahrscheinlich auch seine Bereitschaft bekundet hatte, im Erfolgsfall die Langobarden im Namen des Imperiums aus Italien zu vertreiben. Ein einheitliches Frankenreich hätte die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich erhöht. Dass Maurikios auch noch im ausgehenden 6. Jahrhundert der Auffassung war, dass Italien ein wichtiger Bestandteil des Imperiums war, bestätigt außerdem sein Testament – überliefert in dem von Peter Schreiner übersetzten Werk des Byzantiners Theophylact Simocatta. Dieses war bezeichnenderweise wieder von einem Mehrkaisertum ausgegangen und sah wieder zwei Sitze im alten Rom vor.

Der Gundowald-Umsturz dürfte damit ursprünglich die Errichtung eines einheitlichen fränkischen Königreiches unter Gundowald zum Ziel gehabt haben. Dies deutete Gregor auch in den Worten König Guntrams an, der von Gundowald gemeint haben soll, er habe, ich zitiere, „die Macht unseres Reichs unter seine Gewalt beugen wollen“ (DLH 9.28). Der Bischof Magnulf von Toulouse soll zu Gundowald außerdem gesagt haben: „Ist es also wirklich wahr, dass keiner aus dem Geschlecht der Könige der Franken übrig geblieben ist, wenn das, was du sagst, erfüllt werden wird?“ (Gregor, DLH 7.32).

Die Errichtung eines gesamtfränkischen Reiches war ein ungewöhnlich ehrgeiziges Unterfangen, denn die Verwirklichung dieses Plans erforderte in den frühen 580ern die Beseitigung von drei Königen: Chilperich, Guntram und Childebert. Wie wir gesehen haben, wurde Chilperich tatsächlich 584 ermordet, eine Tat, welche den zweiten Umsturzversuch initiiert hatte. Ihm müssten aber noch die Könige Guntram von Burgund und Childebert II. von Austrasien folgen. Dass es entsprechende Pläne gegeben haben mag, wird durch den Umstand unterstützt, dass Gregor von Tours wiederholt verdeutlichte, inwiefern der burgundische König in diesem Rahmen einen Angriff auf sein Leben erwartet habe. Guntram soll sogar noch nach Gundowalds Tod befürchtet haben, dessen Söhne könnten nach Gallien zurückkehren, um ihn zu töten (DLH 9.28).

Brunhilde

Bevor Gundowald als gesamtfränkischer König hätte eingesetzt werden können, hätten auch Childebert und seine Mutter Brunhilde entfernt werden müssen. Wie wir gesehen haben, geht Constantine Zuckerman davon aus, dass die austrasische Königin Brunhilde Teil des Komplotts um Gundowald gewesen sei. Tatsächlich bestätigt Gregor lediglich, dass der burgundische König Guntram die Königin Brunhilde verdächtigt habe, Gundowald die Heirat angeboten zu haben. Wie Gregor aber selbst andeutete, ist dies höchst unwahrscheinlich. Gundowald hatte selbst zwei Söhne, deren Ansprüche nicht nur die Position Brunhildes als Königinwitwe, sondern auch die ihres Sohnes Childebert II. gefährdet hätten. Selbst wenn Childebert gesundheitlich geschwächelt haben soll, wie Zuckerman vermutet, ist es schwer vorstellbar, dass Brunhilde – die uns aus ihren Briefen als eine sehr familienbewusste Person in Erscheinung tritt – das persönliche Wohl und die politische Zukunft ihres eigenen Sohnes Childebert für den eigenen Vorteil hätte gefährden wollen. Darüber hinaus hatte Childebert seine Reife bereits 585 erreicht, womit Brunhilde kaum das Bedürfnis nach einem anderen mündigen Herrscher in Austrasien geteilt haben dürfte.

Fakt ist aber, dass Gundowald durch austrasische Große nach Gallien eingeladen worden sein soll. Demnach dürften diese nicht im Auftrag ihrer Königin, sondern gegen das aktuelle Herrscherhaus in Austrasien gehandelt haben. Die Historiker Goffart und Bachrach gingen davon aus, dass die austrasische Elite sich angesichts der schwierigen Zeiten einen reiferen König gewünscht habe. Große aus den anderen Teilreichen, Neustrien und Burgund, darunter Guntrams Heerführer Mummolus, könnten sich Gundowald angeschlossen haben, da sie sich durch einen gemeinsamen Feldzug gegen die Langobarden große Beute und gegebenenfalls auch Ländereien in Italien versprachen. Tatsache ist, dass weder der burgundische König Guntram noch der neustrische König Chilperich an einem Feldzug nach Italien interessiert waren, von ihnen also ein solches Unternehmen nicht zu erwarten war. Der gesamtfränkische Zug unter Gundowald gegen die Langobarden hätte darüber hinaus sicherlich die Erfolgschancen – und damit auch die Gewinne – potenziell erhöht.

Wichtiger ist die Frage nach der Rolle der austrasischen Königsfamilie. Auch wenn diese nicht von Anfang an an der Gundowald-Verschwörung beteiligt war, müssen Childebert und seine Mutter bald nach Gundowalds Ankunft in Gallien von diesem Unterfangen erfahren haben. Möglicherweise stand Brunhilde hinter Guntram Bosos plötzlichem Sinneswandel nach Gundowalds Ankunft in Marseille, woraufhin er dessen Schatz nahm und den örtlichen Bischof verhaftete. Es ist möglich, dass Brunhilde spätestens, nachdem Gundowalds Erfolg Ende 584 wahrscheinlich erschien, eine strategische Vereinbarung mit dem Prätendenten traf, um sich und ihrem Sohn unter den neuen Umständen eine Machtposition zu sichern. Falls diese Vereinbarung tatsächlich ein Heiratsangebot einschloss (DLH 9.28), hätte dieses Bündnis nicht nur Gundowalds Anspruch auf den merowingischen Thron erheblich gestärkt, sondern Brunhilde auch genügend Einfluss gesichert, um Childebert zu verschonen und zugleich über die Mittel zu verfügen, ihm neben Gundowalds zwei Söhnen einen eigenen Anteil des Reiches zu sichern.

Im Gegenzug könnte Brunhilde verlangt haben, dass ihr Sohn Childebert verschont bleibe. Die Treueide, die Gundowald während seines Eroberungszugs kurz nach seiner Krönung in Brive die Bevölkerung Aquitaniens auf Childebert II. schwören ließ, passen sehr gut zu dieser Annahme, und sie entsprechen dem Vorgehen, das eine kluge und strategisch erfahrene Königin von Gundowald eingefordert haben dürfte. Die ursprüngliche Verschwörung umfasste somit wahrscheinlich einen bedeutenden Teil der austrasischen Magnaten und richtete sich auch gegen Childebert und seine Mutter, die als zu schwach angesehen wurden, um eine Bedrohung darzustellen oder von Nutzen zu sein. Dieser Plan wäre dann dank Brunhildes politischen und diplomatischen Geschicks in ihrem Sinne abgeändert worden. Mit dem Tod Gundowalds wurde dann jede Vereinbarung obsolet.

Ingunde und Athanagild

Die Gundowald-Affäre war tatsächlich nur ein – wenn auch nicht unwesentlicher – Teil der kaiserlichen Versuche, die Langobarden mit Hilfe der Franken aus Italien zu vertreiben. Mit dem gleichen Ziel bediente sich Kaiser Maurikios auch der Entführung und Erpressung. Auf diesen Aspekt detaillierter einzugehen wird hier leider nicht möglich sein; ich möchte ihn dennoch kurz ansprechen, da nur so das gesamte Ausmaß der kaiserlichen Einflussnahme im Frankenreich deutlich wird.

Im Jahr 584 war in Spanien der Aufstand des westgotischen Königs Hermenegild gegen seinen Vater gescheitert. Seine junge Frau Ingunde und ihr kleiner Sohn Athanagild waren bei ihrer Flucht von den Byzantinern gefangen genommen worden. Bei Ingunde handelte es sich um die Tochter von Königin Brunhilde und damit um die Schwester Childeberts von Austrasien. Ingunde starb auf dem Weg nach Karthago, ihr Sohn wurde nach Konstantinopel gebracht. Kaiser Maurikios benutzte nun den Knaben Athanagild, um zusätzlich Druck zumindest auf die austrasische Königsfamilie auszuüben. Der Kaiser setzte nun offenbar auf zwei Pferde gleichzeitig, denn neben Gundowald nutzte er den Säugling, um die Austrasier davon zu überzeugen, ihre Heere gegen die Langobarden nach Italien zu schicken.

Die Erpressung war erfolgreich. Mehrere Briefe, die Brunhilde und Childebert nicht nur dem Kaiser, sondern auch seiner Ehefrau, seinem Sohn und seinem Vater geschickt haben, sind uns erhalten, in denen die Königin mit Nachdruck um die Rückkehr ihres Enkels bat. Und tatsächlich wurden nun wiederholt zwischen 584 und 590 austrasische Heere gegen die Langobarden nach Italien ausgeschickt. Der erwartete Erfolg blieb allerdings aus – was nochmals die Bedeutung eines gesamtfränkischen Heeres bestätigt, das durch die Gundowald-Usurpation hätte entstehen sollen. Vom Schicksal Athanagilds hören wir danach nichts mehr; vermutlich starb er in Konstantinopel. Die Langobarden blieben bekanntlich in Italien.

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Offene Fragen  

Auch wenn die hier vorgeschlagene Deutung der Gundowald-Affäre sich gut mit den Quellenaussagen deckt und dabei auch solche Hinweise berücksichtigt, die von den Forschern gerne beiseitegeschoben werden, müssen auch hier zentrale Fragen offen bleiben. Unklar bleibt z. B. die genaue Position Gregors von Tours. Hatte er vielleicht gute Erinnerungen an den jungen Gundowald während seiner Zeit an den verschiedenen Königshöfen und hat deshalb der Nachwelt Hinweise auf seine Unschuld hinterlassen? Anders als diese Karte zeigt, stand Tours zu der Zeit, als Gregor den Bericht über die Gundowald-Affäre schrieb, vorwiegend unter der Autorität König Guntrams, eines Königs, den Gregor zwar einmal an prominenter Stelle als „guten König“ bezeichnete; gleichzeitig hat er aber – ähnlich wie bei Gundowald, nur umgekehrt – in seinen Werken Hinweise auf seine Antipathie gegenüber diesem König verstreut, der in der Summe als paranoid, kontrollsüchtig und unnachgiebig porträtiert wird (DLH 9.32). Fürchtete Gregor Guntram mehr als Gundowald? Hat Gregor deshalb vielleicht sogar auf den Erfolg Gundowalds im zweiten Anlauf gehofft, da er so König Guntram losgeworden wäre? Oder unterstützte er in seiner Position vor allem Brunhilde, die Witwe seines ehemaligen Königs Sigibert, in ihrem Unterfangen, ihre eigene Position und die ihres Sohnes zu erhalten?

Der zentrale Fragenkomplex betrifft das langfristige Ziel der Gundowald-Unternehmung. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Kaiser wollte, dass die Langobarden von den Franken aus Italien vertrieben werden sollten, sei es unter der Leitung Childeberts oder Gundowalds. Doch was sollte im Erfolgsfall passieren, wenn ein fränkischer König die Herrschaft zumindest in weiten Teilen Italiens übernommen hätte? Hat der Kaiser erwartet, dass die Franken die Gebiete an das Kaiserreich abtreten würden? Tatsächlich soll Childebert II. im Jahr 588 König Guntram, ich zitiere, um „Unterstützung gegen die Langobarden“ gebeten haben, „damit nach ihrer Vertreibung aus Italien jener Teil, den sein Vater zu Lebzeiten beanspruchte, an ihn zurückfalle, während der übrige Teil durch eure und seine Unterstützung der kaiserlichen Herrschaft zurückerstattet werde.“ Doch selbst wenn diese Aussage wirklich auf Childebert zurückgeht und der um diese Zeit etwa 18-jährige König eine solche Rückgabe vorhatte – ob er und seine Mutter zu dieser Zeit noch an eine Rückkehr Athanagilds glaubten, ist allerdings eher fraglich –, so dürfte sich Maurikios bewusst gewesen sein, dass eine solche Restitution keine langfristige Wirkung gehabt haben dürfte. Die Franken waren die stärkste militärische Kraft im Westen Europas; sie wieder wirksam aus Italien zu entfernen, wäre für das Kaiserreich langfristig kaum möglich gewesen. Folglich hat der Kaiser entweder, hochriskant, versucht, den aktuellen Gegner durch die Franken zu schwächen; möglicherweise hat er aber auch in einem fränkisch beherrschten Italien einen Vorteil gegenüber einem langobardischen Italien gesehen. Möglicherweise spielte der gemeinsame katholische Glaube hier eine Rolle? Tatsächlich waren die Franken, anders als die Langobarden, bereits seit der Spätantike mit dem Imperium verbunden, ein Aspekt, den ich im Detail in meinem Buch Mediterranean Connections behandle, hier aber nicht genauer diskutieren kann. Es stellt sich darum die Frage, inwiefern aus byzantinischer Sicht ein fränkisch beherrschtes Italien einem kaiserlich beherrschten Italien gleichkam. Bezogen auf Gundowald, der ja mehrere Jahre in Konstantinopel verbracht hatte, wäre es auch denkbar, sogar wahrscheinlich, dass dieser, bevor er vom Kaiser mit einem Schatz nach Gallien entlassen wurde, dem Kaiser durch Eid versprochen hatte, im Erfolgsfall Italien dem Kaiserreich zurückzuerstatten. 

Auswirkungen

Die imperialen Versuche, die Langobarden mit Hilfe der Franken aus Italien zu vertreiben, waren nicht nur erfolglos; die Quellen weisen darauf hin, dass diese Ereignisse im merowingischen Gallien zu einem Vertrauensverlust sowie zu einer Abwendung vom Imperium geführt haben. Guntram Boso hatte den Bischof von Marseille verhaftet mit der Begründung, ich zitiere, „dass er einen Fremdling in Gallien aufgenommen“ habe und „so das fränkische Reich unter die Herrschaft des Kaisers habe bringen“ wollen. Wie wir gesehen haben, war dies kein Vorwurf ohne Grundlage.

Die Auswirkungen der kaiserlichen Versuche, die fränkische Herrschaftslandschaft in Gallien und Italien neu zu gestalten, lassen sich anhand von zwei Zeugnissen nachvollziehen: einer veränderten Münzprägung und einer neuen Herrscherbezeichnung. Bis in die Mitte der 580er wurden Münzen in Gallien nach kaiserlicher Tradition und mit dem Namen und Porträt des gegenwärtigen Kaisers geprägt. Diese pseudoimperialen Münzen wurden nach der Gundowald-Affäre durch sogenannte „nationale“ Münzen (Tremisses) abgelöst, die nun vorwiegend die Namen der Münzstätte oder des Monetars trugen. Imperiale Münzen konnten mit dem Porträt des gegenwärtigen Kaisers eine anhaltende imperiale Autorität über das fränkische Königreich suggerieren, ein Eindruck, den man nun offenbar vermeiden wollte.

Der zweite Hinweis auf eine veränderte politische Selbstverortung ist die Einführung der Benennung rex Francorum. Wie Helmut Reimitz bereits festgestellt hat, begannen die fränkischen Könige erst unter Childebert II. damit, sich als Könige der Franken zu bezeichnen. Der Umstand, dass der Zusatz „Francorum“ in den ersten vier Briefen Childeberts an den byzantinischen Hof noch fehlt, belegt, dass diese Änderung kurz nach Gundowalds Tod erfolgt sein muss und damit möglicherweise als Reaktion auf die Ereignisse dieser Zeit. 

Fazit

Bereits Gregor von Tours erkannte die Bedeutung der Ereignisse um die Jahre 584 und 585, die er in seinem siebten Historienbuch außergewöhnlich detailliert behandelte. Der Umstand, dass die sogenannte Fredegar-Chronik, die in mehreren Arbeitsschritten seit 613 und bis um 662 verfasst wurde, an drei Stellen unabhängige Erwähnungen der Gundowald-Affäre enthält, bezeugt, dass bis ins siebte Jahrhundert die Gundowald-Affäre sowie die kaiserliche Einflussnahme thematisiert wurden. Für die Merowinger waren die Intervention Gundowalds und die Entführung Ingundes höchst unangenehme Erfahrungen. Wie die veränderte Münzprägung und die neue fränkische Königstitulatur bezeugen, haben die Ereignisse der 580er Jahre zu einer Neubewertung der Bedeutung geführt, die das Imperium in der fränkischen Welt haben sollte. Beide Veränderungen implizieren eine Stärkung der fränkischen Identität, eine Haltung, die sich gegen das Kaiserreich gerichtet haben dürfte.

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Diese Abkehr spiegelt sich auch in den diplomatischen Kontakten: Bis 590 sind sehr regelmäßig, oft für jedes Jahr, Gesandtschaften und andere Formen des Austauschs zwischen den fränkischen regna und dem Imperium bezeugt. Nach 590 liegen uns nur noch sehr vereinzelte entsprechende Zeugnisse vor. Das früheste anschließende Zeugnis bezieht sich auf das Jahr 602, dann folgt ein gegenseitiger Austausch in den 630ern. Ich selbst habe noch Hinweise auf eine Gesandtschaft für 662 ausmachen können. Der nächste hinreichend bezeugte Kontakt datiert um 756, fast ein Jahrhundert später, und damit kurz nach der Thronbesteigung des ersten Karolingerkönigs Pippin des Jüngeren. Die Gundowald-Affäre trug damit dazu bei, dass das Verhältnis der merowingischen Reiche zum Imperium neu definiert und eine stärker eigenständige fränkische Herrschaftsidentität ausgebildet wurde. Die Bedeutung der Gundowald-Affäre liegt damit nicht allein im Scheitern eines Prätendenten, sondern in der Sichtbarkeit eines letzten ernsthaften Versuchs, die fränkische und die imperiale Ordnung des Mittelmeerraums nochmals enger miteinander zu verbinden.

Ein Beitrag von: Prof. Dr. Laury Sarti

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