Forschung

Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte – Prof. Dr. Christine Krüger

Laufende Forschungsprojekte

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Christine Krüger

Das Projekt behandelt den französischen Mexikofeldzug und die damit verbundenen Bemühungen Frankreichs, in Mexiko eine Kaiserreich zu etablieren. Gefragt wird in transnationaler Perspektive, welche Implikationen die französische Intervention in Mexiko für die Entwicklung der Staatsform der Monarchie besaß. Die Bedeutung der Monarchie im 19. Jahrhundert hat in den letzten Jahren in der globalhistorischen Forschung verstärkt die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine eher traditionelle Sicht repräsentiert hier Jürgen Osterhammel, der in der „Verwandlung der Welt“ eine „weltweite Tendenz zum monarchischen Niedergang“ konstatiert. Er beruft sich dabei darauf, dass die monarchische Staatsform seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert durch den Trend zur Liberalisierung und Demokratisierung immer mehr unter Druck geriet.

Allerdings haben in letzter Zeit Historiker vermehrt auf die ungeheure Beharrungskraft der monarchischen Staatsform bis in das 21. Jahrhundert hinein hingewiesen. Vor diesem Hintergrund die Bedeutung des französischen Mexikofeldzugs und der damit verbundenen Ambitionen neu auszuloten: Denn deren Scheiteren wirkte sich in Frankreich ebenso wie in Europa allgemein nur geringfügig auf das Ansehen der monarchischen Staatsform aus. Denn auch wenn der Rückzug aus Mexiko letztlich den Niedergang des zweiten französischen Kaiserreichs einleitete, deutete ihn  allein eine kleine als siegreiche Selbstbehauptung der Republik. Ansonsten sahen sich viele Zeitgenossen eher in ihrer Überzeugung bestätigt, dass republikanischen Verfassungen ein hohes Gefahrenpotenzial innewohne. In weiten Kreisen empfand man Abscheu vor der Hinrichtung des mexikanischen Kaisers Maximilians und erblickte in dem Ende seines Imperio vor allem einen schimpflichen Triumph von Anarchie und Barbarei. Der mexikanische Präsident Benito Juarez war Indio, und so verliehen rassistische Vorstellungen, wie sie in dieser Zeit in Europa an Virulenz gewannen, dieser Deutung zusätzliche Kraft. Sogar einer der erbittertsten Gegner Napoleons III., der überzeugte Republikaner Victor Hugo, warnte Juarez in einem Brief eindringlich davor, Maximilian das Leben zu nehmen: Denn seine Hinrichtung würde die moralische Niederlage der Republik bedeuten.

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Christine Krüger

Hausbesetzungen sind eine riskante Form des Wohnens. Die Bereitschaft von Hausbesetzern, mit dem Risiko zu leben, in rechtliche Schwierigkeiten zu geraten, könnte als Beleg für die abnehmende Bedeutung des Wertes der Sicherheit interpretiert werden. Die Untersuchung der Hausbesetzerbewegungen in Hamburg und London in den 1970er und frühen 1980er Jahren zeigt jedoch, dass in Sicherheit als Wert für sie durchaus eine wichtige Rolle spielte, wenngleich diese sehr auf sehr unterschiedliche Weise wahrgenommen und verstanden wurde. Das Projekt untersucht die verschiedenen Sicherheitsentwürfe, die nicht in den Hausbesetzerbewegungen selbst, sondern auch in Reaktion auf diese verhandelt und umzusetzen versucht wurden.

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Christine Krüger

Der im 19. Jahrhundert zunehmend virulenter werdende Nationalismus verstand die Nation als einen übergeordneten Letzwert, für den ihre Angehörigen gegebenenfalls auch in den Tod ziehen sollten. Juden setzte dies unter Bekenntnisdruck, denn Emanzipationsgegner argumentierten immer wieder, dass ihrer Loyalität im Kriegsfall kein Vertrauen zu schenken sei. Die Mehrheit der europäischen Juden reagierten angesichts dieser Zweifel mit einem eindeutigen patriotischen Bekenntnis zu ihrer jeweiligen Heimatnation. Gleichzeitig jedoch erkannten viele von ihnen aufgrund ihrer Außenseiterposition die Janusköpfigkeit des Nationalismus klarer als andere Zeitgenossen. Das Projekt untersucht, wie sich dies auf ihre Sichtweisen von Krieg und Frieden auswirkte.

Projektverantwortlicher: Dr. Amerigo Caruso

Das Projekt will die neueren Ergebnisse transnationaler und vergleichender Studien über die Revolutionen des 19. Jahrhunderts diskutieren und im Rahmen eines dreijährigen Forschungs-programms weiterentwickeln. Es handelt sich hier um ein deutsch-französisch-italienisches Netzwerk unter meiner Leitung, das bis 2024 durch die DFG finanziert wird. Der bewusst gewählte, lange Untersuchungszeitraum, der die Jahrzehnte zwischen der Amerikanischen Revolution (1776) und der Pariser Kommune (1871) umfasst, ermöglicht es, die mittel- und langfristigen Folgen von Transfer und Verflechtung in den Blick zu nehmen und damit die bereits gut erforschten kurzfristig-synchronen Entwicklungen neu zu perspektivieren.

Projektverantwortlicher: Dr. Amerigo Caruso

In der Sattelzeit nahmen die mediale Resonanz und die überregionalen Auswirkungen von Revolutionen, Staatsreformen und diplomatisch-militärische Krisen kontinuierlich zu. Um die Zerreißprobe disruptiver Umbrüche zu meistern, revitalisierte der Adel das tradierte Dienstethos gegenüber der Monarchie, die fachlichen Kompetenzen als Offiziere, Hofchargen und hohe Staatsbeamte, die starken Familienverbände sowie das Engagement in der Kirche und in den wissenschaftlichen Akademien. Das DFG-geförderte Projekt hat das Ziel, den Adel als resiliente Einheit in einer revolutionären Übergangsepoche zu untersuchen. Im Fokus stehen Adelsfamilien in den europäischen Mittelstaaten Sardinien-Piemont, Sachsen und Dänemark, die als repräsentative Beispiele von binneneuropäischen „Semiperipherien“ im Kontext der globalen Sattelzeit aufgefasst werden. Bis 2024 wird in diesem Zusammenhang auch eine Dissertation entstehen, der Projektmitarbeiter Severin Plate hat seine Tätigkeit im Oktober 2021 begonnen.

Laufende Habilitationsprojekte

Das Habilitationsprojekt untersucht Prozesse des Transfers und der transnationalen Verflechtung von Diskursen, Normen und Praktiken des Notstands in der Moderne. Mit Blick auf Frankreich, Deutschland und Italien werden sowohl die enge Beziehungsgeschichte von politischem Notstandsdenken und -handeln als auch landesspezifische Anpassungen analysiert. Dabei untersucht das Projekt auch die Verflechtungen von metropolitanen und kolonialen Notstandsregimen. „Notstand“ als Diskurs und als Handlungsrepertoire der Politik in Krisenzeiten gewann mit der Herausbildung moderner Staaten und der Etablierung bürgerlicher Freiheiten, aber auch mit der Verbreitung nationalistischer und imperialistischer Deutungsmuster im Laufe des 19. Jahrhunderts eine neue Relevanz. Von Frankreich ausgehend wurde moderne Notstandspolitik kodifiziert, erprobt und nach Europa sowie in die Kolonien exportiert. Die Entwicklung der Notstandsregime nach 1914 bildete eine Zäsur, die die Geschichte des Notstands grundlegend veränderte. In einem zweiten Teil der Studie wird daher nach Kontinuität und Wandel im 20. Jahrhundert gefragt, erneut mit besonderem Augenmerk auf Transfer und Verflechtung nach 1914 bis hin zu den (post-)kolonialen Notständen und der schwierigen Überwindung des Notstands in den Jahrzehnten nach 1945.

Laufende Dissertationsprojekte

Eigenständige Ausstellungen von und für Frauen im 19. Jahrhundert außerhalb des Kontexts der Weltausstellungen wurden bisher lediglich vereinzelt und fast ausschließlich in nationalen Kontexten untersucht. Das lässt ein bedeutendes Kommunikationsmittel zur Verbreitung progressiver, emanzipatorischer Ideen und Vorstellungen beinahe gänzlich unbeachtet. Das Dissertationsprojekt befasst sich mit der Bedeutung solcher Ausstellungen in einem transnationalen Rahmen als Medium, über das Frauen öffentlich Position beziehen und sich für ihre Belange einsetzen konnten. Daran anknüpfend soll der Stellenwert solcher Verbindungen für emanzipatorische Interessen außerhalb der organisierten Frauenbewegungen beleuchtet werden. Vor diesem Hintergrund werden deutsche und britische Ausstellungen untersucht, wodurch eine zentrale Ebene der engen kulturellen Verbindungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich sichtbar wird. Die in dem Projekt berücksichtigten Ausstellungen, die maßgeblich von Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts konzipiert wurden, interpretieren und präsentieren auf unterschiedliche Weise das Thema der weiblichen (Erwerbs-)Arbeit. Auf dieser Basis werden in einem zweiten Schritt einzelne Ausstellerinnen analysiert.

Beschreibung folgt.

Nationale Gedenktage nehmen eine zentrale Rolle im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft ein. Als Kristallisationspunkte zeigen sie das Verhältnis eines Staates zu seiner Vergangenheit und damit zu sich selbst; intime, individuelle Emotionen werden öffentlich auf das Kollektiv übertragen und in Ritualform begangen. Ziel des Dissertationsprojekts ist es, eine aktuelle, theoretische gestützte und transnational vergleichende Perspektive auf nationale Gedenktage zu schaffen. Dazu werden die zentralen staatlichen Veranstaltungen anlässlich jährlich wiederkehrender offizieller Gedenktage mit Weltkriegs- oder Holocaustbezug in der Bundesrepublik und Großbritannien seit 1945 untersucht. In einem asymmetrischen Vergleich werden inszenatorische und narrative Praktiken der Geschichtspolitik sowie die jeweilige nationale Prägung des Gedenkakts in den Fokus genommen.

Großbritannien eignet sich als Kontrastpunkt insbesondere aufgrund der offensichtlichen Unterschiede wie der Siegerperspektive und der Monarchie. Es sind aber auch auffällige Gemeinsamkeiten in den Partizipationsstrukturen zu entdecken, die einen Vergleich gewinnbringend erscheinen lassen. Der Untersuchungszeitraum reicht bewusst bis in die Gegenwart, da das junge 21. Jahrhundert bereits neue transnationale Gedenktage, entscheidende Wandlungsprozesse und intensive öffentliche Diskussionen um die Ausrichtung und Ausgestaltung nationalen Trauerns gesehen hat, die nicht außen vor gelassen werden sollen.

Beschreibung folgt.

Die Dissertation entsteht im Rahmen des DFG-Projektes „Resilienz und Vulnerabilität. Europäische Adelsfamilien in Zeiten revolutionärer Umbrüche 1760-1830“ von Amerigo Caruso, welches sich mit Anpassungsleistungen und Bewältigungsstrategien adliger Familiennetzwerke beschäftigt.
Als Fallbeispiel dient ein Adelsnetzwerk um die Familien Reventlow, Bernstorff, Schimmelmann und Stolberg, welche im Dänischen Gesamtstaat während des betrachteten Zeitraums eine entscheidende Rolle in Politik und Verwaltung einnahmen. Dies entspricht dem Schwerpunkt des Projektes im Bereich der europäischen Semiperipherie und ist auch deshalb von besonderem Interesse, da sich die Dänische Monarchie nach einer besonders langen Friedenszeit in den Wirren der Napoleonischen Kriege, und an deren Ende auf der Seite der Verlierer wiederfand.
Gefragt wird nach Verwandtschaftsstrukturen und ihrer Wirksamkeit in Reaktion und Umgang mit disruptiven und krisenhaften Ereignissen. Dabei sollen Theorien aus der Familienresilienzforschug einen neuen methodischen Zugang zur Adels- und Verwandtschaftsforschung am Übergang in das 19. Jahrhundert bieten.

Die Schulen Nordrhein-Westfalens wurden in den zehn Jahren zwischen 1968 und 1978 beispiellos reformiert: Die sozialliberale Koalition in Düsseldorf veränderte die Volksschule, die Lehrerausbildung, die politische Bildung, die gymnasiale Oberstufe und verfolgte das Vorhaben, das dreigliedrige Schulsystem durch eine integrierte Gesamtschule zu ersetzen. Das alles stieß nicht in der Bevölkerung an Rhein und Ruhr nicht ausschließlich auf Zustimmung. Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter und der
Gegnerinnen und Gegner dieser Reformen herauszuarbeiten und in den Kontext der damaligen gesamtgesellschaftlichen Debatten einzuordnen. Meine These ist, dass etwa die Einführung der Gesamtschule und die Neujustierung der politischen Bildung deshalb derart umstritten waren, weil sie nicht nur auf Chancengleichheit abzielten, sondern ganz verschiedene Bereiche verändern wollten, wie etwa die Autoritätsverhältnisse zwischen Lehrenden und Schülerinnen und Schülern. Neue Schulleitungs- und Unterrichtsformen sollten eingeübt und eine neue Erziehung zur „Mündigkeit“ bzw. „Emanzipation“ eingeführt werden. Dies, so meine Vermutung, gab beiden Reformen den Ruch ideologischer Projekte und trug zur parteipolitischen Polarisierung und Schärfe der Gegenreaktionen bei. Ob sich dieser Eindruck durch die Quellen bestätigen lässt, wird die Leitfrage meiner Untersuchung sein.

Tagungen

Projektverantwortlicher: James Krull

#CommemoratingWW2: Internationale Konferenz in Kooperation mit dem Institute for the Public Understanding of the Past an der University of York.

While the end of the Cold War in December 1991 arguably heralded the start of a new global epoch, the continuance of the ‘memory boom’ testifies to the fact that this did not include letting go of the past. Into the 21st century, our pasts are still of significant public importance, both individually and collectively, and the World Wars have proved to hold particular interest. Take for example the box office success of movies like ‘1917’ or ‘Operation Mincemeat’ and continuing acts of remembrance across the UK, Europe and the Commonwealth, which ensure that the horrors and huge losses of life during war are not forgotten. The new millennium saw the establishment of a UN-wide commemorative day and the construction of several new monuments, including the 2005 inauguration of the Holocaust Memorial in Berlin and the ongoing controversy around the construction of a UK Holocaust Memorial in London.

Nearly 80 years after the end of the Second World War, commemorative events, initiatives, customs and places have not lost (or have regained) their role in the shaping of national identities in Europe. However, over the last 30 years transformation processes have arisen that altered the way commemoration is performed, perceived and participated in. The digital revolution, the declining voice of contemporary witnesses and the increasing temporal and personal distance of younger generations to the commemorated past have led commemorative practices to evolve. Additionally, current political controversies (e.g. Brexit, 2015 European migrant crisis, climate change, Covid-19) as well as new conflicts (e.g. Iraq, Afghanistan, Syria, Ukraine) have influenced the public image of past wars and war crimes.

How has the Second World War been commemorated globally since 1991? How has public perception of and participation in commemorative activity and consumption changed? What strategies have been used to mobilise new technologies and navigate geo-political challenges? What controversies were triggered, narratives adjusted, new formats developed, or new media utilised?

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Christine Krüger

Internationale Konferenz in Kooperation mit dem Center for German and European Studies at the University of Tokyo, Komaba, der TU Dresden und der Universität Leipzig.

Zum Projekt

Projektverantwortlicher: Dr. Amerigo Caruso

Tagung an der Universität des Saarlandes

Zum Tagungsbericht

Publikation: Caruso, Amerigo / Metzger, Birgit (Hg.): Grenzen der Sicherheit. Unfälle, Medien und Politik im deutschen Kaiserreich, Göttingen 2022.

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Christine Krüger

Die sozialen Reformen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurden von der Angst vor revolutionärem Aufruhr befeuert – so lautet eine beliebte, aber kaum belegte These. Wachsende soziale Spannungen, vor allem die beiden großen Hafenstreiks in London 1889 und Hamburg 1896/97 bedrohten die urbane Sicherheitskultur dramatisch. Christine Krüger zeigt: Durch Revolutionsängste wurden meist Forderungen nach repressiven Maßnahmen laut, die auf sozialen Ausschluss zielten und weniger auf inkludierende Sozialreformen.
Obwohl Sicherheit für viele Epochen ein zentrales politisches Anliegen darstellt, sind ihre verschiedenen konzeptionellen Entwürfe in den urbanen Zentren des 19. Jahrhunderts bislang kaum im Detail untersucht worden. In ihrer spannenden Studie vergleicht Christine Krüger erstmals die verschiedenen urbanen Sicherheitsentwürfe, hinterfragt die oft drastischen Reaktionen und korrigiert scheinbare Eindeutigkeiten in alten Grundannahmen.

Das Projekt war Teil des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive" der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung.

Publikation: Krüger, Christine: „Die Scylla und Charybdis der socialen Frage“. Urbane Sicherheitsentwürfe in Hamburg und London, ca. 1880-1900, Bonn 2022.

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