Die Gabe auf dem Westfälischen Friedenskongress im Spannungsfeld von diplomatischem Geschenkwesen und Korruption

Alexander Winkens M.A.

In seinem bis heute grundlegenden Werk zum Westfälischen Frieden zeichnet Fritz Dickmann aufgrund der aufwendig gestalteten Gabepolitik ein wahrhaft düsteres Bild über die moralische Integrität der Diplomaten in den Kongressstädten Münster und Osnabrück. Die Empfänglichkeit der Gesandten für materielle Zuwendungen und Gaben sei in Hinblick auf die allgemein herrschende Not jener Zeit gar als „ein Bild abstoßender Fäulnis hinter einer glänzenden Außenseite“ zu verstehen. Dickmanns Urteil reproduziert eindrucksvoll das bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wirkende Verständnis frühneuzeitlicher Gabepolitik als korrupte Handlung, die sich in das Forschungskorsett einer für die Frühe Neuzeit vermeintlich vorliegenden systemimmanenten und strukturbildenden Massenkorruption einfügen ließ (hierfür maßgeblich Jakob van Klaveren).


Die durch die Kulturwissenschaften beeinflusste Strömung der ‚Neuen Diplomatiegeschichte‘ stellt diese Interpretation grundlegend in Frage und begreift die Gabe vielmehr als eine komplexe und vielschichtige soziale Praktik, die einerseits als sozial-konstitutiver Schenkakt personale Verbindungen stärken oder in ihrer Wahrnehmung als Korruption disruptive Wirkungen entfalten konnte. Korruption wird hier als zu historisierendes und ubiquitäres Phänomen (Hillard von Thießen) verstanden, das jeweils im Spiegel von zeitgenössischen Normvorstellungen und den sich hieraus ergebenden Normkonkurrenzen, des konkreten politischen Kontexts sowie der handelnden Akteure als unmoralischer Gabeakt untersucht werden muss. Bestehende Studien zum Westfälischen Friedenskongress widmen sich der Geschenkpraxis in Münster und Osnabrück allenfalls mit dem oben beschriebenen veralteten Korruptionsverständnis oder im Rahmen von Teilstudien, deren primäres Forschungsinteresse anderen Themen gewidmet war. Eine umfassende Studie liegt für den Westfälischen Friedenskongress noch nicht vor.
Das laufende Dissertationsvorhaben soll helfen, dieses Desiderat zu schließen und das Spannungsfeld jener beiden Bewertungskategorien der Gabe anhand der überlieferten diplomatischen Korrespondenzen, Diarien und Abrechnungslisten einiger reichsständischer Gesandtschaften auf dem Westfälischen Friedenskongress zu beleuchten. Den reichsständischen Akteuren, die „zwischen“ den großen europäischen Kriegsparteien verhandelten, diente ihre Gabepolitik vor allem dazu, flexible Verhandlungskoalitionen herbeizuführen, an der Informationsökonomie des Kongresses teilzuhaben sowie Machtansprüche medial zu kommunizieren. Gleichzeitig konnte die Gabe in ihrer als Korruption wahrgenommenen Erscheinungsform zur politischen Denunziation oder zur Delegitimation von nachteiligen Verhandlungsergebnissen beitragen.


Zum einen soll die Studie daher herausarbeiten, wann auf dem Kongress – als Diplomatic Sphere of Its Own (Lena Oetzel) – Geschenke als immanenter Teil der Verhandlungen erwartet wurden und wie diese zur Verständigung der Kriegsparteien und zur Neuaushandlung des europäischen Mächtesystems beitragen konnten. In zweiter Linie soll das Vorhaben die fluide normative Grenze des diplomatischen Geschenkwesens zur Korruption beleuchten und untersuchen, welche kongressspezifischen Wahrnehmungsmuster mit Korruption verknüpft wurden. Dieser Blick auf den zeitgenössischen Normhorizont eröffnet nicht nur Erkenntnispotentiale in Hinblick auf das normgeleitete Handeln einzelner Akteure, sondern auch auf diejenigen moralischen Maßstäbe, die die Diplomaten nach dreißig Jahren des Krieges mit der Erreichung eines Friedenszustandes assoziierten.

Kontakt: s75awink@uni-bonn.de
Betreuer: Prof. Dr. Michael Rohrschneider

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