Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2025/26
Prof. Dr. Martin Aust
Vorlesung: Geschichte Osteuropas 1648-1815
Zwischen 1648 und 1815 haben sich die machtpolitischen Verhältnisse im östlichen Europa grundlegend geändert, wohingegen die gesellschaftlichen Strukturen recht konstant geblieben sind. In der Mitte des 17. Jahrhunderts war das Doppelreich Polen-Litauen eine Großmacht im östlichen Europa, wohingegen das Moskauer Russland sich nach einem Bürgerkrieg zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch auf sich selbst konzentrierte. Die ukrainischen Kosaken wiederum wagten in der Mitte des 17. Jahrhunderts einen Staatsgründungsversuch. Rund eineinhalb Jahrzehnte später hatten sich diese Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt. Moskau hat ein Imperium gebildet, das sich weite Teilen Polens sowie Litauen und den Großteil der ukrainischen Länder einverleibt hatte. In engem Zusammenhang damit steht der Aufstieg Brandenburg-Preußens zu einer Großmacht in Europa an der Seite Russlands. Dabei dominierte in allen Gesellschaften der Adel und die Mehrzahl der Bauern verrichtete unfreie Arbeit. Die Vorlesung bietet einen Überblick über diese politik- und sozialgeschichtlichen Zusammenhänge und wirft zudem einen Blick auf die jüdische Geschichte des östlichen Europas in diesem Zeitraum.
Hauptseminar: Deutschland und die Ukraine 1918-2025
Das Hauptseminar beleuchtet fünf historische Wegmarken, an denen ukrainische Unabhängigkeit und deutsche Außenpolitik aufeinandertrafen: (1) 1918, als das deutsche Kaiserreich im Frieden von Brest-Litovsk die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannte; (2) 1941, als die Organisation Ukrainischer Nationalisten beim Einmarsch Deutschlands in die Sowjetunion die ukrainische Unabhängigkeit ausrief, die Hitler umgehend untersagte und die Ukraine dem deutschen Vernichtungskrieg preisgab; (3) 1991/92, als die Bundesrepublik die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannte; (4) 2014, als die Bundesrepublik zwar Russlands Annexion der Krym verurteilte, ansonsten jedoch business as usual mit Russland fortsetzte und (5) 2022 – 2025, als Politik und Gesellschaft in Deutschland sich über das Maß der deutschen Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine uneins waren und sind.
Übung: Quellenlektüre Osteuropäische Geschichte
Die Übung dient der Vertiefung von Sprachkenntnissen des Polnischen, Ukrainischen und Russischen zum Zweck der Übersetzung von wissenschaftlichen Texten und Quellentexten im Geschichtsstudium. Ein Einstieg kann im Übergang von A1 zu A2-Kenntnissen der jeweiligen Sprache stattfinden. Die Übung teilt sich in drei interne Arbeitsgruppen zu den drei Sprachen auf. Im Wintersemester 2025/26 stehen Quellen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auf dem Programm. Die Frage nach dem Umgang mit digitalen Übersetzungsprogrammen in einer quellenorientierten Geschichtswissenschaft wird in das Programm integriert.
Kolloquium: Kolloquium zur Geschichte Osteuropas
Das Kolloquium ist Werkstatt und Wohnzimmer der Bonner Osteuropäischen Geschichte in einem. Hier besteht die Gelegenheit, laufende Bonner Arbeiten wie BA-Arbeiten, MA-Arbeiten und Dissertationsprojekte vorzustellen. Auswärtige Gastvorträge bereichern das Programm. Zugleich soll ggf. Raum sein für die Diskussion von Fragen, die Russlands Krieg gegen Ukraine für die Osteuropäische Geschichte in Deutschland aufwirft.
Prof. Dr. Béla Bodó
Keine Kurse im Wintersemester 2025/26
Maria Timofeeva M.A.
Übung: Osteuropäisch-jüdische Migration nach Berlin in der Zwischenkriegszeit
Die Auswanderung osteuropäischer Jüdinnen und Juden nach Berlin in der Zeit zwischen den Weltkriegen war das Ergebnis tiefgreifender politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umwälzungen in Osteuropa. Der Erste Weltkrieg, revolutionäre Umbrüche, Pogrome und weitverbreitete Armut zwangen viele Menschen zur Flucht, sodass die deutsche Hauptstadt zu einem bedeutenden Anlaufpunkt für jüdische Migration wurde.
In der Übung nähern wir uns diesem Thema aus sozial-, kultur- und politikgeschichtlicher Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von jüdischen Migrantinnen und Migranten in Berlin, insbesondere im Hinblick auf Fragen von Identität, Integration und kultureller Selbstbehauptung. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Rolle Berlins als transnationalem Knotenpunkt jüdischer Intellektueller und politischer Aktivistinnen und Aktivisten. Es wird diskutiert, wie sich die Neuankömmlinge zwischen Anpassung an die Aufnahmegesellschaft und Bewahrung eigener kultureller und religiöser Traditionen bewegten. Zugleich rückt das Seminar die zunehmende Ausgrenzung und Bedrohung jüdischen Lebens in den frühen 1930er Jahren in den Fokus, insbesondere im Hinblick auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die damit einhergehende Eskalation antisemitischer Gewalt. Darüber hinaus wird der kritische Umgang mit historischen Quellen verschiedenster Art, wie autobiografischen Berichten, zeitgenössischen Presseartikeln, amtlichen Dokumenten oder literarischen Texten, gefördert.
Im Rahmen der Übung ist außerdem eine viertägige Exkursion nach Berlin vorgesehen, die durch Besuche im Jüdischen Museum und am Holocaust-Mahnmal zentrale Lernorte der deutsch-jüdischen Geschichte einbindet.
Prof. Dr. Elena Marassinova
Vorlesung: Social Control and Representation of Ruling Power in Russia 16th - early 19th century
Course Topic: This lecture course is dedicated to the forms of ruling power representation that were used as powerful tools of social control. The main focus will be on various forms of demonstrating the state's image, personified in the monarch's personality, such as coronations; the monarch’s ceremonial appearance before the subjects; public executions and pardons; royal manifestos announced in churches and cathedrals; the burial of royal family members, and so on. The lectures will provide a wide historical perspective and give students a general understanding of the main trends in Russian history from the 16th to the early 19th centuries.
Course Objectives:
To discuss with students the main mechanisms of communication between the throne and subjects in the broader historical context, focusing on various forms of ruling power representation and social control channels in Russia from the 16th to the early 19th centuries.
To demonstrate the use of semiotic techniques, cultural transfer theory, Begriffsgeschichte, the Cambridge School of intellectual history, intermedial approach, and case studies based on specific historical material.
The course content may be adapted to fit the main themes of students' research papers and their academic interests.
Course Content:
The course consists of 13 lectures, each lasting 90 minutes. Each lecture includes presentation, joint discussion with students on source fragments and research concepts, as well as answers to questions.
Hera Shokohi M.A.
Übung: Verschwiegen, vergessen, instrumentalisiert: Opfernationalismus und Erinnerungskultur in Ost und West
Selbst-)Viktimisierung ist trendy – und das global. Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa, Zentralasien und Ostasien weisen trotz Distanz Gemeinsamkeiten auf. Der Erinnerungsboom in den späten 90er-Jahren und frühen 2000er-Jahren, der vor allem zur Institutionalisierung der Holocaust-Erinnerung im westeuropäischen und US-amerikansichen Raum führte, wurde tonangebend für globale Erinnerungskulturen. Die Festigung der Holocaust-Erinnerung führte zur Popularität verschiedenster Formatvorlagen (Ästhetik, Sprache, Rituale) für die Erinnerung an andere historische Gewalterfahrungen. Dabei gerät in vielen Ländern, wo große Teile der Bevölkerung am Holocaust mitbeteiligt waren, die Erinnerung an die Kollaboration mit den Nazis in den Hintergrund, allen voran im östlichen Europa, wo die Repressionen während des Stalinismus den größten Raum im kollektiven Gedächtnis einnehmen. Der Historiker Jie-Hyun Lim bezeichnete diese Fixierung auf Formate der Holocaust-Erinnerung und die damit einhergehende Betonung des eigenen Opferstatus als Opfernationalismus (Victimhood Nationalism). Ein zentraler Bestandteil des Opfernationalismus ist die Wende zum viktimologischen Opferbegriff: „When the unfortunate victims who died unjustly transform into righteous martyrs who voluntarily sacrificed themselves fort he just cause, the gate to victimhood nationalism opens“, wie Lim schreibt. Weil die Opfer historischer Gewalt verstorben sind und ihre Stimmen nicht mehr erheben können, werden sie zu einer Rohmasse für Geschichtspolitik und Nationalismus.
In der Übung beschäftigen wir uns mit diesen globalen Erinnerungstrends aus vergleichender Perspektive. Wir werden die Möglichkeiten und Grenzen des „Holocaust Template“ in der Erinnerungskultur erfassen und die Zuschreibung von Täter- und Opferidentitäten unter die Lupe nehmen. Die Übung ist an Jie-Hyun Lims Buch Victimhood Nationalism (2025) orientiert. Die Orientierung am Konzept des Opfernationalismus dient zeitgleich als eine Einführung in die theoretischen und praktischen Ansätze der Memory Studies und des kollektiven Gedächtnisses.
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