Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2021

Prof. Dr. Martin Aust

Vorlesung:
Vom Ersten Weltkrieg bis zur Annexion der Krim: Geschichte Osteuropas 1914-2014

Die Vorlesung gibt einen Überblick über die Geschichte des östlichen Europas vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen dabei Kontinuität und Wandel imperialer und postimperialer Ordnungen im östlichen Europa. Der Erste Weltkrieg führte den Untergang einer makroimperialen Ordnung im östlichen Europa herbei. Die Reiche der Romanovs in Russland, Hohenzollern in Deutschland, Habsburger in Österreich-Ungarn und Osmanen im Osmanischen Reich gingen unter. An ihre Stelle traten zum einen wiedererstandene und neue Staaten wie Polen, Litauen und die Tschechoslowakei und zum anderen die Sowjetunion, die fast den gesamten Raum des ehemaligen Zarenreiches politisch erneut zusammenfasste. Der Zweite Weltkrieg stellt sich im östlichen Europa als gescheiterter Versuch des nationalsozialistischen Deutschlands dar, ein kontinentales Kolonialreich zu schaffen. Stattdessen fand sich ganz Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Hegemonie wieder. Das Ende des Kommunismus in Europa 1989 und die Auflösung der Sowjetunion 1991 schienen das endgültige Ende imperialer Ordnungen im östlichen Europa zu bedeuten. Russlands Annexion der Krim 2014 steht jedoch exemplarisch für die Frage, wie die Regierung Russlands mit dem doppelten imperialen Erbe des Zarenreiches und der Sowjetunion umgeht. Zugleich richtet sich an das Programm der östlichen Partnerschaft der EU ebenfalls die Frage, inwieweit ihm ein Erbe geopolitischer Auseinandersetzung mit Russland eingeschrieben ist. Die Vorlesung fragt nach Stabilitäten und Instabilitäten imperialer und postimperialer Ordnungen im östlichen Europa und wirft dabei auch einen Blick auf die Männer und Frauen, die diese Ordnungen getragen und infragegestellt haben.

Hauptseminar:
Holodomor - Verbrannte Erde - Bloodlands - Iron Curtain: Kontroverse Bücher zur Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert

Geschichtswissenschaft ist unter anderem von zwei Grundannahmen geprägt: erstens der Prämisse, dass sich gesicherte Erkenntnis im intersubjektiven Austausch von Forschungsbeiträgen ergibt, und zweitens, dass die Themen der Geschichtswissenschaft gesellschaftlich-politische Relevanz besitzen. Eine ideale Vorstellung professioneller Geschichtsschreibung malt sich ein möglichst enges Verhältnis zwischen diesen beiden Prämissen aus. Immer wieder ziehen jedoch Geschichtsbücher einzelner Autorinnen und Autoren eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie stehen an der Spitze der Bestsellerlisten, werden in den Feuilletons der großen Zeitungen besprochen, erhalten Preise und gelten als Inbegriff aktueller Geschichtsschreibung und ultimativer Wahrheit. Ihre Autorinnen und Autoren erreichen im Fernsehen, Radio und den sozialen Medien eine enorme Reichweite. Im Gespräch der Politik über die Vergangenheit werden die Positionen dieser Bücher häufig zitiert, ihre Autorinnen und Autoren zu politischen Gesprächen eingeladen. Die Fachwissenschaft wundert sich währenddessen über steile und unhaltbare Thesen, narrative Zurichtungen und verkürzt wiedergegebene Forschungsstände in diesen Büchern. Das Hauptseminar widmet sich der Analyse dieses Phänomens und nimmt dabei vier Bücher von einer Autorin und zwei Autoren zur Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert in den Blick, die im zurückliegenden Jahrzehnt das öffentliche Gespräch über Geschichte stark geprägt haben: (1) Anne Applebaums Buch über den Tod von Millionen Menschen in der Sowjetukraine im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion, ein Vorgang der im Ukrainischen die Bezeichnung Holodomor (Hungertod) trägt und in der Ukraine als Genozid gilt. (2) Jörg Baberowskis mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes Buch über die Gewaltherrschaft Stalins. (3) Timothy Snyders Buch Bloodlands über Ostmitteleuropas Gewalterfahrungen des Stalinismus und Nationalsozialismus in den 1930/40er Jahren und (4) Anne Applebaums Buch Iron Curtain über die Errichtung kommunistischer Herrschaft in Polen, Ungarn und der DDR von 1944 bis 1956.

Übung:
Quellenlektüre Osteuropäische Geschichte

Die Übung Quellenlektüre dient als Angebot polnische, ukrainische und russische Sprachkenntnisse anhand einschlägiger Quellen oder auch historiographischer Texte zu erweitern, zu üben und zu vertiefen. Voraussetzung sind Grundkenntnisse in einer der genannten Sprache. Die Erfahrungen der vorangegangenen Semester haben gezeigt, dass sich in dieser Übung in einer kleinen Runde unterschiedliche Niveaustufen in die Übersetzungsübungen integrieren lassen. Somit ermutigt und lädt die Übung alle am östlichen Europa Interessierten mit Grundkenntnissen in einer der drei Sprachen Russisch, Ukrainisch und Polnisch zu einem Ausflug in die Welt osteuropäischer Quellen ein.

Kolloquium:
Kolloquium zur Geschichte Osteuropas

Das Colloquium versammelt Vorträge zu aktuellen Themen der Osteuropäischen Geschichte von Bonner Absolventinnen und Absolventen sowie auswärtigen Gästen. Es dient allen an der Osteuropäischen Geschichte Interessierten als Diskussionsforum und Laboratorium.


Dr. Katja Makhotina

Übung:
Liebe, Leidenschaft und (T)Reue: Frühneuzeitliche Emotionen in West und Ost

Die Geschichte der Emotionen ist ein blühender Forschungsbereich der Geistes-Sozialwissenschaften. Zu ihren Ausgangsprämissen gehört zum einen die Einsicht, dass Gefühle von sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst sind; und zum anderen, dass unsere Zeichen für Emotionsausdrucke ebenfalls Ergebnisse von sozialen und kulturellen Konstruktionen sind. Um diese Zeichen, – also um Narrative und Bilder, wie Empfindungen und Emotionen kodiert werden, – geht es auch in der historischen Forschung. Vielfach wurde darauf hingewiesen, dass es für die Historiker kaum möglich ist, emotionale Erfahrung und emotionale Sprache voneinander getrennt zu behandeln.

Auch in unserem Seminar wird es nicht um den „Blick ins Herz“ gehen, sondern um die Art und Weise über Gefühle zu sprechen – und den Wandel dieser Sprechweisen. Der Gegenstand unserer Untersuchung der medialen Zeugnisse aus der frühen Neuzeit (Bücher, Karten, Kirchenberichte, Tagebücher, Briefe, Denkmale usw.) wird folglich die Praxis der Narrativierung der emotionalen Empfindungen sein. Es geht darum zu fragen, wie und warum sich die Begriffe wie „Empfindlichkeit“, „Leidenschaft“, „Reue“, „Liebe“, „Melancholie“, „contemplation“ änderten, wie auch die Diskurse, in denen sie benutzt wurden. Die Sprache der Gefühle wird in Verbindung zu den zentralen Themen der europäischen Frühen Neuzeit gesetzt: Strafe und Rituale der Vergeltung, lachende Theaterkultur und medizinische Wissenschaft, Reformation und Aufklärung.

Übung:
Vom Kampf, Schuld und Leiden: Selbstzeugnisse des Zweiten Weltkrieges im östlichen Europa

Der katastrophalen Ausnahmesituation ihrer Lage bewusst, haben sehr viele Menschen während des Zweiten Weltkriegs angefangen, Tagebücher zu führen und Notizen über ihre Beobachtungen zu führen. Die Praxis des (Auf-)Schreibens war zum Teil eine Lebenshilfe, zum Teil ein Mittel, den gefallenen oder ermordeten Familienangehörigen ein „Denkmal“ zu setzen. In gewisser Weise ging es auch für sich selbst darum, ein Zeugnis abzulegen, wenn man die Gewalt nicht überleben sollte. Die Techniken des deutschen Vernichtungskrieges gegen Polen und die Sowjetunion und die brachiale Gewalt gegen die Zivilbevölkerung sind heute sehr gut erforscht. Es war ein Krieg „wie kein anderer“ (Dieter Pohl). Die Stimmen der Verfolgten, der Kämpfer und der Opfer, die vom Gesehenen und Erlebten berichten, sind daher als historisches Erbe ungemein wichtig. Im Seminar werden wir verschiedene Medien der Selbstzeugnisse und die Mittel der kritischen Analyse kennenlernen. Welche Rolle spielten die kulturelle Tradition, die literarische Narrativität und die „Pfad-Abhängigkeit“ der Erinnerung bei dem Verfassen der Ego-Dokumente? Wie können wir als HistorikerInnen damit arbeiten?


Prof. Dr. Béla Bodó

Hauptseminar:
The Impact of the First World War

This course examines the short and long-term consequences of the Great War in a European and global context. The seminar focuses on such important topics as: the collapse of the empires; peace-making in Paris; the reorganization of East-Central Europe after the war; the “culture of defeat” and the rise of fascism; the Red Scare in the US; the crisis of democracy in the interwar period; the creation of the mandate system and the start of decolonization; the economic impact of the war; the reparation issue and the crisis of global capitalism; the changing roles of men and women during and after the war; the medical treatment of injured soldiers; the place of war veterans in post-war European society; pacifism and socialism after the Great War; the rise of avant-guard art and classical modernity after 1918; the memory of the Great War in films, literature and art; the changing historiography of the First World War.

This is a bilingual course. Students can answer the instructor’s questions, present their research and write the exam/essay either in English or German.

Übung:
Class, Gender and Ethnicity: A Social History of Eastern Europe, 1918 - Present

This course examines the social history of Eastern Europe from the end of the First World War to the present. The seminar is going to cover a wide range of topics, such as: social mobility in Stalinist regimes; women and family; child-raising practices and education in Communist Eastern Europe; the decline and disappearance of traditional social groups, such as the nobility and the peasantry; the changing face of the middle class; socialist modernity; consummation patterns and popular culture; the enchanted world of the political and social elite; youth rebellions and changing gender roles in the 1960s; discrimination against ethnic minorities; the social causes of the collapse of the Communist regime in 1990; changing marriage patterns and sexual behavior in Eastern Europe in the last thirty years; the rise of a new social elite in the 1990s; “mafia states” and organized crime; the place of Eastern Europe in the global economy; brain drains and mass migrations; the social impact of civil wars and ethnic conflicts in the region after 1990.

This is bilingual course. Students can answer the instructor’s questions, present their research and write the exam/essay either in English or German.

Übung:
Social Upheavals and Revolutions in the Short Twentieth Century: A Global Perspective

This course examines the origins, and discusses the consequences, of the most important revolutions and social/political upheavals in the world since 1911. Perceived as seismic events, revolutions normally transform every aspect of life from the distribution of wealth and life chances in society, values and pattern of behavior. The course starts with the discussion on the history of the Russia Revolution of 1905, which, even though failed, transformed the language of politics and invented new institutions, such as the Soviets. Then we cover the following topics: the revolution and civil war in China, 1911-1947, the Bolshevik Revolution of 1917; revolutionary and counterrevolutionary upheavals in Europe after WWI; the Fascist Revolution in Europe in the interwar period; national liberation and decolonization movements in Asia, Africa and the Middle East after 1945; the Korean and Vietnam wars; national uprisings in Soviet-controlled Eastern Europe during the Cold War; the Cuban Revolution and its impact on Latin American politics; the Mexican Revolution; Peron’s rule in Argentina; Nassar’s revolution in Egypt; the rise of Pan-Arabism in the Middle East; the collapse of Communism in Eastern Europe, and the rise of political Islam after 1968. The course will pay special attention to relationship between wars and revolutions, between civil wars and international conflicts. Finally, the course will examine the changing media image, intellectual interpretation and memory of social rebellions and revolutions in the last twenty years.

This is bilingual course. Students can answer the instructor’s questions, present their research and write the exam/essay either in English or German.


Dr. Diana Ourdubadi

Übung:
Die Formen der Herrschaftslegitimation der russischen Zaren in der Vormoderne

Die Herrschaftsübergänge im Moskauer Reich der Vormoderne verliefen meistens im Wechsel von zwei Legitimationsprinzipien ab, die später von Max Weber als traditionelle und charismatische Herrschaft beschrieben wurden. In jedem einzelnen Fall wurde eine etwas andere Prozedur der Thronbesteigung angewendet. Das dynastische Prinzip oder im äußersten Fall das altaristokratische Abstammungsprinzip spielten dabei eine herausragende Rolle. Traditionsgemäß bestimmte der aktuelle Herrscher selbst seinen Nachfolger, meistens handelte es sich um den älteren Sohn oder einen anderen männlichen Verwandten, aber auch eine Frau, wie z.B. die Ehegattin durfte im Prinzip, aber eher im Ausnahmefall, für die Herrschaft bestimmt werden. Bei fehlenden eindeutigen Thronfolgern fiel die Aufgabe, einen neuen Herrscher auszuwählen, auf die Institution des sogenannten Zemskij sobor, auf Deutsch Landes- oder Reichsversammlung, die formal aus Vertretern des ganzen russischen Landes bestehen und somit für das ganze Volk sprechen sollte. Der Fokus der Übung liegt auf den Herrschaftsübergängen im Moskauer Reich seit dem Ivan dem Schrecklichen bis zum frühen 17. Jahrhundert und beschäftigt sich zudem gezielt mit der Rolle der Kirche und der russischen Altaristokratie - des sog. Bojarentums – für die Legitimation der russischen Zaren.

Übung:
Das Phänomen der russischen Selbstherrschaft im Moskauer Reich in der sog. 'Zeit der Wirren'

Als ‚Zeit der Wirren‘ (smuta oder smutnoe vremja) wird in der russischen Geschichte eine Zeitspanne (1598–1613) zwischen dem Tod des letzten Zaren aus der Rjurikiden-Familie Fedor Ioannovic und der Berufung auf den Thron von Michail Fedorovic, dem Gründer der Romanov-Dynastie, bezeichnet. In der kurzen Periode von 15 Jahren erlebte Russland den Wechsel von vier bzw. fünf Herrschern, wenn man den ersten Romanov dazu zählt: Boris Godunov, Fedor Godunov, Pseudodemetrius und Vasilij Sujskij. Im Interesse seiner politischen Unantastbarkeit und rein körperlichen Unversehrtheit war jeder von ihnen in außerordentlichem Maße darum bemüht, nicht nur seine persönliche Position im staatlichen Gefüge mit Hilfe unterschiedlicher Strategien zu befestigen, sondern auch die Bedeutung des russischen Zarentums möglichst allumfassend zu gestalten. In der Übung wird die Durchsetzung einer autokratischen Herrschaft (sog. Selbstherrschaft (russ.: samoderzavie)) im russischen historischen Kontext einer krisenhaften Epoche untersucht. Verfolgt werden sollen auch die genauen politischen Instrumente, mit denen die Zaren während der ‚Zeit der Wirren‘ ihre absolutistische Stellung im Staate und den Titel ‚von Gottes Gnaden‘ bekräftigten.


Anton Liavitski M.A.

Übung:
Nationalismus und Populismus in Weißrussland im 20. Jahrhundert

Die Präsidentschaftswahlen von 2020 brachten den weißrussischen „Kulturkampf“ mit seinen jetzigen Protagonisten, Alexander Lukaschenka und den Demokraten, auf die globale mediale Tagesordnung. Die Übung bietet eine Genealogie zu diesem ideologischen Konflikt. Im Mittelpunkt stehen dabei Ordnungsentwürfe, welche die Auseinandersetzungen um Souveränität, Solidarität und Repräsentation strukturiert haben. Die sozialistische Moderne, die Umbrüche von 1989/1991 und die Herausbildung des autoritären Regimes zwischen 1994 und 1996 bildeten den soziokulturellen Kontext hierfür. Wir betrachten die politökonomischen Debatten von Stalins Ära, das Heranreifen der nationalistischen und neoliberalen Reaktion auf den Staatssozialismus in den 1970er und 1980er Jahren und den Kampf zwischen der marktliberalen Ideologie der demokratischen Opposition und der konservativen Staatsbürokratie nach dem Zusammenbruch Sowjetunion. Ziel der Übung ist, die Rationalität dieser rivalisierenden politischen Strömungen offenzulegen.


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