Jagd auf Kohlenklau - Aufklärung zum Energiesparen und Hass auf ‘Asoziale’
Spielzeug, das während des Zweiten Weltkrieges im Deutschen Reich produziert wurde, diente meist der Propaganda. Dies lässt sich anschaulich an Spielfiguren und Modellen zeigen, die Soldaten, Parteianhängern oder Kampffahrzeugen nachgebildet sind und damit in direktem Bezug zum Krieg stehen. Auch das populäre Spiel „Jagd auf Kohlenklau“, das als Teil der Kohlenklaukampagne Kinder zur Sparsamkeit, gerade im Hinblick auf kriegswichtige Rohstoffe, erziehen sollte, ist (nicht nur) an Kinder gerichtete Alltagspropaganda. Das abschreckende Beispiel des ‚asozialen‘ Bösewichts bietet eine düstere Figur mit animalistischen Attributen, die von überheizten Zimmern, übermäßigem Wasseraufkochen und überflüssiger Beleuchtung angezogen wird. Hierbei bedient man sich sowohl der Furcht vor dem umherziehenden Kohlenklau als auch der Suggestion durch das falsche Verhalten selbst zum Kohlenklau zu werden und damit unter Umständen die Konsequenzen erleiden zu müssen, die für ‚Asoziale‘ vorgesehen waren. Häme, Furcht und Scham werden somit zur Grundlage des Spielerlebnisses. Richtiges Verhalten, im Spiel wie im echten Leben, wird hingegen als Sieg über die Schreckgestalt des Kohlenklaus gefeiert, das Streben nach Sparsamkeit der Kinder wie im nationalsozialistischen Spiel häufig, als Kampf oder eben Jagd. Weiteres Element der Kohlenklaukampagne waren regelmäßig veröffentlichte Anzeigen und Plakate, die jeweils Verhaltensweisen aufzeigten, die es zu vermeiden galt. Auch hier wurde dazu aufgefordert, den eigenen Verbrauch und das eigene Verhalten den Anforderungen von Krieg und ‚Volksgemeinschaft‘ anzupassen und ‚unvölkisches Verschwendertum‘ zu vermeiden.
Liegt der Fokus auf dem ideologischen Charakter des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs, könnte sich Victor Klemperers Werk „LTI: Notizbuch eines Philologen“ als anspruchsvoller, aber lohnender Exkurs anbieten. Der Autor, der als zum Protestantismus konvertierter Veteran des Ersten Weltkriegs und Professor für Romanistik trotz zunehmender Diskriminierung in Deutschland bleibt, entspricht selbst dem häufig referenzierten Bild des assimilierten Judens. Während der nationalsozialistischen Herrschaft schreibt er viel zur Entwicklung, zu persönlichen Erfahrungen sowie zur Sprache, insbesondere der des Nationalsozialismus. Dem Kohlenklau widmet er ein eigenes Kapitel (XIV) in der LTI - Notizbuch eines Philologen, in dem er die starke Wirkung der Kampagne und des Namens hervorhebt und ähnliche abschreckende Beispiele der nationalsozialistischen Propaganda wie den ‘Lauscher’ nennt. Bei der Auseinandersetzung mit der LTI sollte beachtet werden, dass Klemperer trotz der autobiographischen Züge des Werkes auch Erfahrungen aus seinem Umfeld in das Erleben des Protagonisten einfließen lässt.
Giovannini, Elena: LTI: Erinnerungen des Philologen Victor Klemperer, in Carsten Gansel und Manuel Maldonado-Alemán (Hrsg.): Literarische Inszenierungen von Geschichte. Formen der Erinnerung in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 und 1989, Springer Fachmedien Wiesbaden 2018, S. 169–176.
Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 14. Aufl., Reclam Leipzig 1996, S. 91-95.
Die hochaufgelöste Version ist auf der Webseite des British Museum abrufbar: https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_2004-1231-15 (CC BY-NC-SA 4.0)
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