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Maskulinität(en) im Spätmittelalter – Konstruktionen der Männlichkeit des römisch-deutschen Herrschers im 14. Jahrhundert

Das Habilitationsprojekt befasst sich mit der Inszenierung von Männlichkeit der römisch-deutschen Herrscher von 1273 bis 1400. Beim Untersuchungszeitraum, der unmittelbar nach dem Interregnum ansetzt, handelt es sich einerseits für das König- und Kaisertum im Reich und auf Grund der Pest-Pandemie Mitte des 14. Jahrhunderts andererseits auch gesamtgesellschaftlich um eine formative Phase. Über die genaue Beschreibung und Analyse der Konstruktion von Maskulinität(en) soll ein tieferes Verständnis der Stellung des Herrschers in der spätmittelalterlichen (Geschlechter-)Ordnung ermöglicht werden. Als Ausweis seiner Idoneität muss der Herrscher sein Mannsein kontinuierlich durch soziale Handlung (in teilweise ritualisierter Form) konstituieren (Simmel). Diese Praxis ist durch Ambivalenzen und Prekarität geprägt, nicht nur in Bezug auf Konzepte wie vom natürlichen und politischen Körper des Königs (Kantorowicz), sondern auch in Bezug auf die Realisierung sich widersprechender Ideale und (Herrscher-)Tugenden (Potenz/Enthaltsamkeit, Strenge, Stärke/Milde usw.).
 
Befasst man sich mit einem mittelalterlichen Herrscher, so bilden seine (institutionalisierten) Machtbeziehungen und (institutionalisierte) Formen seiner Legitimation unweigerlich den Untersuchungskontext. Durch seine exponierte gesellschaftliche Position steht er naturgemäß in unterschiedlichen (graduell zu bestimmenden) asymmetrischen Verhältnissen. Mit der Männlichkeit ist ein Aspekt der persona des Herrschers herausgegriffen, der einen wesentlichen Teil seiner ‚öffentlichen‘ (rituellen) Inszenierung einnimmt. Die Herrscherinszenierung dient der Repräsentation von Stratifikation und Tauglichkeit für seinen Spitzenstatus. Diese Konstellation der Abhängigkeit ist jedoch in höherem Maße reziprok, als man zunächst annehmen könnte. Der Herrscher ist auf den (affirmativen) Blick seiner Subjekte angewiesen – die Inszenierung muss gelingen und hier nimmt letztlich das Publikum die Rolle des Gutachters ein. Kritik, Subversion und Insurrektion können darüber hinaus etwa effektiv durch Infragestellung der Männlichkeit des Herrschers oder den Vorwurf des Mangels an männlichen Tugenden expliziert (und ebenso inszeniert) werden.
 

Der idealisierende (oder tadelnde) Blick auf den Herrscher wird durch seine Selbstsicht komplementiert, auch wenn quellenkritische und epistemologische Vorbehalte die Betrachtung von Urkunden, Münzbildern, Siegeln, sonstigen Auftragsarbeiten usw. aus dem direkten Herrscherumfeld als Selbstzeugnisse nur mit Abstrichen erlauben. Die Nähe zum Herrscher und ihr jeweiliger Entstehungskontext sind aber natürlich bei der Analyse zeitgenössischer erzählender Quellen oder Abbildungen ebenso zu berücksichtigen. Dabei ist davon auszugehen, dass der herrschende Diskurs zur Männlichkeit des Herrschers in ‚faktualen‘ Texten (Historiographie, offiziöse Dokumente usw.) durch verschiedene Dispositive bestimmt wurde, die sich zudem wechselseitig beeinflussten. Unter anderem sind hier Quellengattungstraditionen und -konventionen, ‚theoretische‘ Einflüsse (aus der Scholastik, von Aristoteles über die Bibel, Augustinus, Isidor von Sevilla zu Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Wilhelm von Ockham usw.), Fürstenspiegel und ‚fiktionale‘ Entwürfe (der volkssprachlichen Literatur) wirkmächtig. Einen gattungsübergreifenden Status haben zudem historische Ideal- und Vorbilder (wie z. B. Karl der Große, Ludwig der Fromme, Otto der Große, Otto III., Friedrich Barbarossa, Friedrich II. usw.).

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