Diplomatik

Die Diplomatik beschäftigt sich mit (zumeist mittelalterlichen) Urkunden, also Schriftstücken, die nach der Definition Ahasvers von Brandt eine oder mehrere rechtserhebliche Verfügungen treffen, beglaubigt wurden und bei deren Abfassung bestimmte charakteristische Formen beachtet wurden. Ein Bereich ist dabei die Edition von Urkunden, ein anderer ihre Auswertung im Hinblick auf historische Fragestellungen.

 

 Urkunde

Urkunden können von Königen oder Kaisern (Herrscherurkunden), vom Papst (Papsturkunden) ausgestellt sein, aber beispielsweise auch von Fürsten, Bischöfen oder Klöstern. Die Urkunden all dieser anderen Aussteller werden unter dem Begriff Privaturkunden zusammengefasst. Bei der Beschäftigung mit Urkunden werden sowohl äußere (etwa Beschreibstoff, Schrift, Format und grafische Symbole) als auch innere Merkmale (wie bestimmte Formulierungen und Textbestandteile) untersucht. Allerdings ist die Mehrheit der Urkunden nicht mehr im Original, sondern nur noch abschriftlich überliefert. In diesen Fällen ist eine Beschäftigung mit den äußeren Merkmalen nicht mehr möglich.

 

Aktuelle Tendenzen

Anstatt der aus dieser Zeit stammenden Vorstellung von der Urkundenproduktion in einer klar strukturierten und streng hierarchisch organisierten Kanzlei wird in jüngerer Zeit von einem flexibleren Modell ausgegangen, das auch das fallweise Heranziehen ganz unterschiedlicher Kräfte, darunter auch hochrangige Persönlichkeiten in Betracht zieht. Im Gegensatz zur sehr stark auf den Text fokussierten früheren Forschung, ist die stärkere Beachtung der grafischen Symbole auf den Urkunden eine weitere neue Tendenz. Im Kontext von Diskussionen über ritualisierte Handlungen sowie Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Mediävistik generell sind diese grafischen Zeichen und auch Fragen nach der Übergabe von Urkunden, ihrer Verlesung sowie der Verbindung mit rechtssymbolischen Akten relevant geworden. Die abschriftliche Überlieferung von Urkunden, z.B. in Kopiaren, wird zunehmend untersucht, weil dies wichtige Aufschlüsse über den Umgang mit Urkunden bietet.  All diese Fragestellungen ermöglichen wichtige Erkenntnisse zur Geschichte von Schriftlichkeit im Allgemeinen.

 Urkunde2

Zum Weiterlesen

Am Anfang der Geschichte der Disziplin stand im 17. Jahrhundert die damals durchaus noch rechtlich relevante Frage nach dem discrimen veri ac falsi, also nach der Echtheit von Urkunden. Davon ausgehend wurde das Verfahren der Urkundenkritik entwickelt. Im Laufe der Zeit sind viele weitere Fragestellungen hinzugekommen, aber die ursprüngliche Frage „Echt oder gefälscht?“ ist bis heute eine wichtige und spannende geblieben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde eine große Menge Urkunden ediert, was weitergehende Forschungen ermöglichte und anregte. Insbesondere die Edition der Kaiser- und Königurkunden im Rahmen der MGH, deren erster Band 1872 erschien, stieß Untersuchungen zu diversen diplomatischen Themen an.

 

Links und Literatur

Im Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden finden sich Abbildungen vieler Originale aus dem Zeitraum bis 1250.

http://www.vdu.uni-koeln.de 

http://www.monasterium.net

Vogtherr, Thomas, Urkundenlehre. Basiswissen (Hahnsche Historische Hilfswissenschaften 3), Hannover 2008.


 

Artikelaktionen