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Laufende Vorhaben

Ein Weg aus der Gleichgewichtsfalle - Großbritannien, die Mittelmächte und der Orient-Dreibund (1887-1896). Eine verpasste Chance der Weltgeschichte?

 

Der Orient-Dreibund bzw. die Mittelmeerentente, also jene 1886 zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Großbritannien vereinbarte Übereinkunft zur Sicherung des Status quo im östlichen Mittelmeer wurde maßgeblich von Otto von Bismarck initiiert. Dennoch zählt diese bis 1896 laufende Großmächteverbindung bis heute zu den mit Abstand am wenigsten erforschten multilateralen Verbindungen in den Bündnisnetzwerken der europäischen Großmächte. Sie steht sowohl im Schatten des Zweibundes (1879), des Dreibundes (1882) als auch des Rückversicherungsvertrages (1887), obwohl sie sich im Urteil nicht weniger Historiker als diametral entgegengesetzt zu diesen verhielt. Bis heute beschäftigt sich lediglich eine Monographie von 1965 mit der britischen Sicht auf dieses temporäre Zweckbündnis.

Das beabsichtigte Projekt zielt auf eine grundlegende (Neu-) Interpretation und erstmalige Betrachtung aller Beteiligter – sowohl Londons, Roms, Wiens und Berlins. Es gründet auf der Hypothese, dass die historiographisch vernachlässigte Mittelmeerentente systemisch betrachtet der wichtigste Baustein im zweiten Bündnisgeflecht Bismarcks zwischen 1887 und 1890 darstellte. Indem es Großbritannien mit dem status quo im östlichen Mittelmeer und damit auch an den Meerengen und auf dem Balkan verband und insbesondere London auch auf die Integrität der Donaumonarchie verpflichtete schob es einen Riegel vor eine zunehmende Polarisierung des Staatensystems. Ihre Intention widersprach dem üblichen Gleichgewichtsdenken und atmete bereits den Geist eines erst 40 Jahre später auf der Konferenz von Locarno für Westeuropa angedachten regionalen Systems kollektiver Sicherheit. So gesehen bedeutete ihr Ende 1896 in mancher Hinsicht eine verpasste Chance der Weltgeschichte.

„Mehr Freiheit wagen“? – Entstaatlichung, Pluralisierung und Privatisierung als „Gebote der Stunde“ in den 1970er und 1980er Jahren

Die Regierungserklärung Willy Brandts am 28. Oktober 1969 mit seinem vielzitierten Versprechen, „mehr Demokratie wagen“ zu wollen wird gemeinhin als Meilenstein deutscher Demokratiegeschichte gesehen, der den Aufbruch zu einem moderneren Deutschland signalisiert habe. Für den Soziologen und Zeitdiagnostiker Helmut Schelsky signalisierte die Brandtsche Formel indes vielmehr den „linken Wunsch“ nach einer „Systemüberwindung“. Was konnte falsch daran sein, mehr Demokratie einzufordern? Schelsky verstand es wie kaum ein anderer, seine Attacke auf den Kanzler und die gesamte Ausrichtung der sozialliberalen Koalition medial zu verbreiten, so dass nicht nur deutsche, sondern auch internationale Leitmedien seine Warnungen vor einer sozialliberalen „Demokratisierung“ veröffentlichten und der Beck Verlag einen Bestseller daraus machte. Für ihn bedeutete Brandts Ausspruch das Signal zu „weniger Rationalität“, „bloßer Umverteilung“ und angesichts der bereits wahrnehmbaren Medialisierung noch größere Ehrfurcht vor Partikularinteressen, eine Explosion der Staatsausgaben und letztlich eine demokratische Sackgasse, die sogar in das Gegenteil von Demokratie und Gewaltenteilung führen konnte. In seiner polemischen Attacke, deren Argumente auch der Bundestag debattierte und der Kieler Finanzminister, Hans Hellmuth Qualen (parteilos) als Positionspapier an alle Dienststellen verteilen ließ, beschrieb Schelsky bereits Anfang der 1970er Jahre seine große Skepsis nicht nur gegenüber dem Credo der Globalsteuerung, sondern auch gegenüber der Politikfähigkeit in einer Zeit, in der sich die sogenannte mediale Doppelstruktur demokratischer Politik Bahn brechen sollte. Folgerichtig hatte er, ähnlich übrigens wie Wilhelm Hennis zu gleicher Zeit dem „mehr an Demokratie“ ein „mehr an Freiheit“ gegenübergestellt, mehr Selbstbestimmung, mehr Verantwortung und weniger Staat.
Eine Dekade später verkündete eine andere Regierungserklärung, dass man zukünftig „weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt; weg von kollektiven Lasten, hin zu persönlicher Leistung, weg von verkrusteten Strukturen, hin zu mehr Beweglichkeit, Eigeninitiative und verstärkter Wettbewerbsfähigkeit“ gehen wolle.
Auch wenn der Wende-Elan für viele bereits Mitte der 1980er Jahre verpufft zu sein schien und man wohl auch nicht von einer „neoliberalen Gegenrevolution“, sprechen kann, wie dies zumindest einige heutige Beobachtungen im Zuge der Finanzkrise implizieren, so scheint es jedoch zu voreilig, die Bereitschaft zu strukturellen ordnungspolitischen Reformen lediglich auf äußeren Druck, namentlich der internatio¬nalen Märkte und der Europäischen Gemeinschaft zurückzuführen. Während die „geistig-moralische Wende“ weitgehend ausblieb, bedeuteten die eigeschlagenen Privatisierungsmaßnahmen einen nachhaltigen Kurswechsel. Dass dieser kürzer griff als zunächst beabsichtig, scheint dabei, so eine Hypothese, doch eher mit der Komplexität der konservativ-liberalen Gemengelage, der genannten unterschiedli¬chen Richtungen in Wirtschaftsfragen, der gemeinschaftlichen Konsensfindung, der medialen Doppelstruktur demokratischer Politik wie auch den föderalen Wirtschaftsstrukturen inklusive der bekannten Veto-Spieler geschuldet zu sein.
Das Forschungsprojekt zielt auf eine erstmals quellengesättigte Untersuchung der Entstaatlichung als Ordnungsmodell und schließt damit in gewisser Weise an die Studie Tim Schanetzkys über „Die große Ernüchterung“ über das Ende der Planbarkeit aus der entgegengesetzten Blickrichtung an. M.a.W. geht es nicht um eine Geschichte des Scheiterns, sondern um die Suche nach Alternativen, vom Sicherheitsstaat zum Wettbewerbsstaat. Es geht dabei aber, sowohl was den zeitlichen Betrachtungswinkel (über 1982), die Ebene der Akteure als auch die archivalische Grundlage angeht, darüber hinaus. Ziel ist es, den gerade auch im Oppositionslager der Unionsparteien durchaus kontrovers diskutierten Weg zur sogenannten Tendenzwende zum einen in den allgemeinen publizistischen Diskurs über Staatlichkeit und vermeintlicher „Unregierbarkeit“ (Claus Offe) zu stellen (1. Teil) und zum anderen die daraus folgenden konservativ-liberalen Konzepte der Entstaatlichung, Deregulierung, Pluralisierung und Privatisierung (2. Teil) in ihrer praktischen Anwendung in den 1980er Jahren erstmals zu überprüfen (3. Teil). Den Abschluss (4. Teil) soll ein Ausblick auf das Experimentierfeld der Privatisierung in den neuen Bundesländern bis Mitte der 1990er Jahre bilden.
 

Eine Internationale des Freihandels (1780-1880) 

Die Freihandelsidee wie Sie allenthalben in der heutigen aktuellen Diskussion um TTIP anzutreffen ist, gehört fraglos zu den prägenden universalistischen Ideen der Moderne und gilt als ein wesentliches Kernelement der sogenannten „ideologischen Blockbildung“ im langen 19. Jahrhundert (Heinz Gollwitzer). Obgleich sie bereits in der antiken Philanthropie bzw. im stoisch-kosmopolitischen Glauben Senecas und Plutarchs anzutreffen ist und sie bereits seit dem 12. Jahrhundert mit der Hanse und den zahlreichen Handelskompanien in der Frühen Neuzeit globalen Widerhall gefunden hatte, nahm ihr Siegeszug als universalistische Ordnungsidee vor allem im Zeitalter der Revolutionen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Lauf. Ausgerechnet in einer Zeit, in der sich auch der partikularistische Nationalismus zu einer universalistischen Idee entwickelte, formte sich parallel dazu die Idee zum freien Warenaustausch und globalen wirtschaftlichen Wettbewerb.
Mit seinem Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ legte Adam Smith 1776 den Grundstein für die Freihandelstheorie, die auch auf dem Kontinent nicht ungelesen blieb. Denn nur zwanzig Jahre später stellte auch Immanuel Kant fest, dass es der „Handelsgeist“ sei, „der mit dem Kriege zusammen nicht bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.“
Das Projekt zielt auf eine Untersuchung der Freihandelsidee als prägende universalistische Idee des 19. Jahrhunderts. Es untersucht dabei den Ideentransfer von Großbritannien ausgehend auf den europäischen Kontinent, insbesondere Deutschland, Österreich und Frankreich, sowie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Entwicklung einer „Internationale der Freihändler“ zwischen den 1780er und den 1880er Jahren. Dabei geht das Projekt zunächst von drei Entwicklungsphasen aus:
(1) In der die theoretischen Überlegungen Adam Smiths, Immanuel Kants, David Humes und David Ricardos internationale Aufmerksamkeit erhielten und sich ausgehend von Großbritannien zahlreiche Freihandelsvereine in Frankreich, dem Deutschen Bund aber auch den USA bildeten, die sich ihre Ideen zu eigen machten. Exemplarisch für Frankreich sei die Schule um Fredéric Bastiat zu nennen und für den Deutschen Bund seien an dieser Stelle der di¬rekt vom Cobden Club beeinflusste Berliner Journalist Julius Faucher oder der Volkswirt John Prince Smith und deren Freihandelspropaganda genannt. Für die Habsburger Lande gilt es die frühen Reformansätze des Josephinismus zu betrachten;
(2) In der es zur allmählichen Implementierung des Freihandels in Großbritannien und parti¬elle Freihandelszonen auf dem Kontinent und den USA kommt (1840er bis 1870er Jahre); sowie
(3) Die Phase der Stagnation und des (vorläufigen) Endes des Freihandels (1870er Jahre bis 1890er Jahre). In allen drei Untersuchungszeiträumen geht es um den Wettstreit der uni¬versalistischen Idee mit seinen partikularistischen Gegenentwürfen bzw. Differenzierungen. So war, was bis heute immer wieder übersehen wird, etwa Friedrich List kein ausgesprochener Freihandelsgegner. Vielmehr kritisierte er die Annahme eines bereits existente weltwirt¬schaftlichen Systems, welches er nun einmal als Grundvoraussetzung für den Freihandel wahrnahm. Der Freihandel im Zollverein stellte demnach weniger eine Schranke nach außen, als vielmehr ein Freihandelsbiotop im Kleinen dar, ein partikularistischer Universalismus wenn man so will. Ähnliches ist auch bei Alexander Hamilton und im Nord-Süd Denken der Vereinigten Staaten zu beobachten. Auch das britische Empire kannte durchaus verschiedene Systeme zwischen seinen Kolonien, den Dominions und den Kronkolonien, wenngleich es nach außen die „universal economy“ propagierte.
Die Untersuchung will herausarbeiten, welche Formen des freihändlerischen Ideentransfers existierten, welche davon zum Einsatz kamen und welche sich als besonders wirkungsvoll erwiesen. In den Blick zu nehmen wären die Verbreitung der einschlägigen Schriften und Presseberichterstattung, die Rollen diverser Akteure – sowohl der Hauptprotagonisten als auch der Mittelsmänner – sowie die Bedeutung informeller Netzwerke oder Verbände, etwa des Cobden Club in London, des Kongresses deutscher Volkswirte oder der französischen und amerikanischen Freihandelsbewegung. Um Rezeptionserfolge beziehungsweise deren Ausbleiben zu erklären, sind des Weiteren die politischen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen, mentalen und konfessionellen Konstellationen sowie alle weiteren relevanten Rahmenbedingungen und partikularistischen Gegenbewegun¬gen in den einzelnen Ländern in die Analyse mit einzubeziehen. Schließlich sollte auch auf Fortentwicklungen der ursprünglichen Lehre genau geachtet werden, seien es irrtümliche oder bewusste Verfälschungen, seien es Abwandlungen jener Art, die ihre Ursache in unüber¬brückbaren Differenzen der Kulturen oder der Sprachen haben.

 

Zwischen Wissenschaft und Politik. Hans Delbrück - Ausgewählte Korrespondenz (1868-1929) (Im Auftrag der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, gefördert von der DFG)

Hans Delbrück (1848-1929) gehörte zu den bedeutendsten Publizisten und einflussreichsten Wissenschaftlern sowohl des zweiten deutschen Kaiserreiches als auch der ersten deutschen Republik. Als Prinzenerzieher, streitbarer Historiker, freikonservativer Parlamentsabgeordneter, Herausgeber der Preußischen Jahrbücher, Gutachter in der Kriegsschulddiskussion und Mitbegründer der Berliner Mittwochabendgesellschaft operierte der journalistisch wie akademisch außerordentlich produktive Grenzgänger über drei Jahrzehnte in der "innersten, heißen Zone von Wissenschaft, Politik und Publizistik" (Ulrich Raulff). Von den 1890er bis in die 1920er Jahre nahm er an wesentlichen öffentlichen Debatten des Deutschen Reiches teil. Er gehört zu den wichtigsten Seismographen des Epochengefühls einer Zeit dramatischen Wandels. Sein Leben und Werk sind nicht zuletzt deshalb von besonderem Interesse, weil er zwei grundverschiedene politische Systeme in Deutschland kommentierend, forschend und politisch handelnd begleitet hat. Das Editionsprojekt zielt auf eine Rekonstruktion von Delbrücks Leben und Wirken seit seiner Studienzeit in Greifswald, Heidelberg und Bonn Ende der 1860er Jahre bis zu seinem Tod 1929. Indem es den Nachlass Delbrücks detailliert darstellt und eine repräsentative Auswahl von Dokumenten zu den wichtigsten Themen einem breiteren Publikum zugänglich macht, liefert es Grundlagenforschung zur Wissenschaftsgeschichte, zur Geschichte der Gesellschaft und der politischen Kultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Weitere Projekte

  • Vom Theodolit zur Schießbaumwolle - Militärisches Wissen im langen 19. Jahrhundert.
  • Koalitionskriegführung in der Geschichte vom 18. bis 21. Jahrhundert (Tagungsprojekt)

 

 

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