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Bald steht die ganze Welt in Brand. 1914. Stimmen aus der Julikrise

 
In die Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges entführte eine szenische Lesung im Hörsaal I der Universität Bonn, zu der Universität und Theater Bonn gemeinsam eingeladen hatten. Das Manuskript zu Lesung war im Rahmen der Lehrveranstaltung „Stimmen aus der Julikrise: Quellenlektüre und Konzeption einer szenischen Lesung zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914“ entstanden, die im Sommersemester 2014 von Prof. Dr. Peter Geiss angeboten wurde. Prof. Dr. Geiss ist Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. Die Veranstaltung wurde von dem Förderverein für Neuere Geschichte der Universität Bonn sowie der Universitätsgesellschaft Bonn unterstützt.

 

Aus historischen Quellen und Forschungsliteratur stellten die Studierenden eine Auswahl zusammen, die vom Theater Bonn unter dramaturgischen Gesichtspunkten überarbeitet wurde. Gelesen wurden die Stimmen aus der Julikrise 1914 von Studierenden und Angehörigen des Theaters Bonn. Sie zitierten verschiedene Quellen wie Depeschen, Zeitungsartikel, aber auch Aussagen von Medienvertretern, Wissenschaftlern und Politikern gleichsam als „O-Töne“. Unterstützt von Musik- und Bildelementen entwickelte sich im Verlauf der Lesung ein lebhafter Dialog, der die rasche Zuspitzung der Krise – ausgelöst durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau am 28. Juni 1914 – bis hin zum Kriegsausbruch im August 1914 anschaulich nachzeichnete. Eine kurze Diskussion über den Erkenntniswert historischer Quellen wurde ebenso einbezogen wie wiederkehrende Anspielungen auf aktuelle Konfliktherde, etwa die Krimkrise. Damit bot der Abend über Darstellung und Interpretation historischer Ereignisse hinaus auch eine Reflexion historischer Arbeit als solcher. 

 

 

An die etwa einstündige Lesung schloss sich eine anregende Podiumsdiskussion an zwischen Prof. Dr. Peter Geiss, Prof. Dr. Dominik Geppert, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte, sowie Nina Steinhilber und Elisa Hempel, zuständig für die Dramaturgie.

 

Zunächst stand die Entstehung der Idee einer szenischen Lesung im Blickpunkt. Die Quellen sollten, so Prof. Dr. Geiss, nicht nur analytisch von den Studierenden bearbeitet, sondern auch auf der Bühne einem breiteren Publikum vermittelt werden. Die szenische Umsetzung solle dabei das Verständnis historischer Quellen erleichtern, Zusammenhänge verdeutlichen und die Vielfalt der Information darstellen. Die Inszenierung, so stellten die Diskussionsteilnehmer fest, habe Anregung und Klarheit geschaffen, stelle allerdings eine Interpretation der Ereignisse und keine absolute Wahrheit dar. Auch das Theater habe von der Zusammenarbeit profitiert und Anregungen für die künstlerische Arbeit erhalten.

 

In der weiterführenden Diskussion stellte sich die Frage, wie viel Fiktion in der Geschichtswissenschaft erlaubt sei. Dabei wurde die aktuelle Debatte in der Geschichtswissenschaft über die „kontrafaktische Geschichtsschreibung“ zur Bewertung historischer Geschehnisse aufgegriffen. Angesichts sich zuspitzender Konflikte mit internationalen Auswirkungen gerade im Erinnerungsjahr 2014 lenkten die Diskussionsteilnehmer den Blick auf die historischen Analogien.

 

Ein wissenschaftliches und politisches Thema auch unserer Zeit sei die Zuverlässigkeit von Quellen sowie die Objektivität daraus gezogener Schlüsse, wie sie schon während der Lesung in einer kurzen Szene thematisiert worden war, stellte die Runde fest.

Insgesamt bestand der Konsens, dass angesichts des beiderseitigen Nutzens die Zusammenarbeit zwischen Universität Bonn und Theater Bonn fortgesetzt werden sollte. Dies wäre in Hinblick auf die gelungene und spannende Umsetzung auch aus Sicht der Zuschauer wünschenswert.

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