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Magnus Brechtken

Vortrag PD Dr. Magnus Brechtken

 

Bericht über den Vortrag von Magnus Brechtken „Joachim Fest als Historiker“

 

Die Veranstaltung begann mit einer Vorstellung von Herrn PD Dr. Magnus Brechtken durch Herrn Prof. Dr. Scholtyseck. Herr Scholtyseck erläuterte darin kurz den Lebensweg und die beruflichen Stationen von Herrn Brechtken, der derzeit am IfZ-München als stellvertretender Direktor tätig ist. Nach diesen einleitenden Worten übergab Herr Scholtyseck das Wort an den Vortragenden.

 

Zum thematischen Einstieg gab Brechtken einen Überblick über die Rezeption der deutschen, britischen und amerikanischen Presse zum Tode Joachim Fests im Jahre 2006. Einstimmiger Tenor der medialen Elogen war die Würdigung Fests als "großen Geschichtsschreiber" und „Meister der Nachkriegsliteratur". In grenzenloser Bewunderung erstarrend, feierte ihn die FAZ, deren Feuilleton Fest leitete, gar als „größten Analysten des Dritten. Reiches aller Zeiten". In der akademischen Welt fiel das Echo dagegen weitaus verhaltener aus. Angestoßen durch eine kritische Rezeption der Festschen Hitler-Biographie verschlechterte Verhältnis von historiographischer Forschung und dem Publizisten Fest seit den 1970er Jahren zunehmend. Die Kritik an der verwendeten Methodik, der unzulänglichen Quellenkritik sowie an der inhaltlichen Akzentuierung der Biographie sah Fest als unangebracht an und warf der Geschichtswissenschaft seinerseits vor, im „Staub der Bibliotheken" zu versinken und den Blick für die „großen Zusammenhänge" verloren zu haben. Für Fest, so führte Brechtken aus, bedeutete Forschung keineswegs einen fortlaufenden, stets zu reflektierenden Prozess; vielmehr nahm er für sich in Anspruch, mit seinen Erkenntnissen umfassende und allgemein gültige Wahrheiten zu manifestieren.

 

Im Folgenden des Vortrags präzisierte Brechtken dieses Festsche Geschichtsverständnis, etwa anhand des 1994 von Fest publizierten Werkes „Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“, in dem Fest „fragwürdige Zitate als Wahrheiten" präsentiere, um seine Thesen stützen. Beispielhaft dafür sei der Umgang mit den „Hinrichtungsfilmen" in dem Werk, die sich „Hitler und seine Entourage oft angesehen hätten und denen diese gefallen hätten". Bis heute ist jedoch kein gesicherter Beleg gefunden worden, dass diese Filme je existierten.  Damit weise das Werk, das Fest einleitend als erste „umfassende Darstellung über die Verschwörer des 20. Juli" präsentierte, in Teilen gravierende Schwächen auf.

 

Im Folgenden Brechtken auf Fests Beziehung zu Albert Speer, dem „prominentesten, ersten Zeugen" und „Glücksfall der publizistischen Geschichte" ein, den Fests als „Ersatz für Archivrecherchen" einsetzte. So reproduzierte Fest in seinen „Speer-Schriften" Speers eigene Legenden, etwa über den Bau der „Reichskanzlei" oder über dessen Kenntnis bzw. Unkenntnis über die Judenverfolgung und den Holocaust, obwohl Speers Mythen seit den 1980er Jahren zunehmend dekonstruiert wurden. Bis zu seinem Lebensende hielt Fest an den Speerschen Legenden fest, wenn er gegenüber dem Regisseur Heinrich Breloer äußerte, es habe bis „heute (2005) keinen Zettel, keinen Beweis für Speers Schuld gegeben".

 

Fest, so fasste Brechtken resümierend zusammen, konstruierte durch sein Schaffen ein (historisches) Weltbild, das stets durch einen selbst gewählten Filter bestimmt wurde. Dieses „bewusste nicht wahrnehmen wollen" lag zum einen in seiner wachsenden „Ignoranz gegenüber der historischen Forschung" und den damit verbundenen Ressentiments, zum anderen in der persönlichen Zerrissenheit „zwischen eigenem welterklärendem Habitus und wachsenden Zweifel an ebenjenem" begründet. Sich der bedrohlichen Lage ausgesetzt, in der sein eigenes geschichts-(wissenschaftliches) Wirken zunehmend kritisch hinterfragt wurde und sein Nimbus des „Weltenerklärers" zu zerfallen drohte, versuchte Fest umso mehr seine eigenen Legenden und Mythen zu rationalisieren und verifizieren. Bis zuletzt versäumte es der „Weltenbürger" Fest, sein publizistisch-wissenschaftliches Wirken zu reflektieren und sich die „Fehler, die er der Welt gegenüber beging, einzugestehen".

 

Das Beispiel Joachim Fest stehe damit auch als warnendes Beispiel für die Geschichtswissenschaft. Das Versäumnis, der publizistischen Allmacht Fests entgegenzutreten, dessen Werk und Wirken zu kritisieren und gegebenenfalls zu korrigieren, ja Fests Erklärungen teils unkritisch in das eigene historische Weltbild zu integrieren, zeige, das auch die Historiographie nicht frei von Eitelkeiten und Ignoranz sei.

 

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten Dozent und Plenum die gewonnenen Erkenntnisse bei einem kleinen Sektempfang.
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