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Jörg Baberowski

Bericht über den Vortrag vom 4. November 2015 von Professor Dr. Jörg Baberowski

Wege aus der Gewalt – Nikita Chruschtschow und die Entstalinisierung

1953-1964

Stalins Tod sei den Zeitgenossen wie der Tod eines Gottes erschienen, führte Baberowski zu Beginn seines Vortrages aus. Niemand hätte zu Beginn des Jahres 1953 erwartet, dass die Herrschaftsstrategie der wenigen Potentaten der Sowjetunion von der des Terrors und der Gewalt geradezu plötzlich und endgültig zu einer solchen werden könnte, die die vorangegangenen Gräuel beendete, sie reflektierte und schließlich in der Teilung der Macht unter den Gefährten Stalins endete. Große Angst und die Erfahrung einer ständigen Bedrohung durch den Tod, führte der Vortragende aus, sei als eine solche Prägung in den Biographien der hohen Sowjetfunktionäre zu sehen, dass die Reformen des Stalinismus ehrlich und menschlich tief begründet vollzogen hätten: Diese seien für Chruschtschow „kein bloßes Spiel mit der Macht“ gewesen, sondern „ein moralisches Projekt, das zur Obsession eines Mannes“ geworden sei, „der mit der Schuld nicht weiterleben konnte.“

Statt in der unmittelbaren Nähe Stalins wurden politische Richtungsentscheidungen in der Folge mit dem Instrument der Kommunistischen Partei und der moralischen Instanz der Befreiung von einer grausamen Willkürherrschaft getroffen, die die Kader der Partei als solche spürbar erlebten. Baberowski hob hervor, dass ohne diese Erfahrung der Reformkurs des Chruschtschow nicht gegen dessen innerparteilichen Gegner hätte bestehen können. Die Entstalinisierung sei eine „zivilisatorische Leistung“ gewesen, die nicht nur Millionen Menschenleben rettete, sondern auch die politische Kultur des Landes veränderte und zugleich die Herrschaft der Regierenden schwächte.

Chruschtschow habe zwar den Stalinismus zu Grabe getragen, aber letztendlich sei er ein Reformer ohne Macht geblieben. Er habe die Sowjetunion tiefgreifend verändert, aber durch seine Reformen am Verfolgungs- und Sicherheitsapparat auch die Grundlagen sowjetkommunistischer Macht zerstört. Das Gewissen des Chruschtschow habe im Widerstreit zwischen Macht und Moral schließlich gesiegt, das erlebte Leid seine Politik und seine Entscheidungen schlussendlich dominiert. Obwohl er die Sowjetunion tiefgreifend liberalisierte, stehe er heute in keinem guten Licht: Die Russen erinnerten sich lieber an den „starken“ Stalin als an den Reformer Chruschtschow, die Erinnerung an die Macht des Imperiums sei nach wie vor beherrschend im historischen Diskurs der modernen russischen Gesellschaft.

Abschließend formulierte der Vortragende die Hoffnung, dass auch in Russland „irgendwann erkannt werden“ könne, dass Freiheit und Stärke keine Gegensätze seien und der von seiner Schuld getriebene Chruschtschow mit der Entstalinisierung eben jener Urheber einer der menschlichsten Leistungen des 20. Jahrhunderts gesehen ist, die von den Zeitgenossen als nur irgend mögliche, größte Befreiung verstanden worden war.

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