Sie sind hier: Startseite Veranstaltungen Tagungen Zwischen allen Stühlen - Grenzgänger im 20. Jahrhundert

Zwischen allen Stühlen - Grenzgänger im 20. Jahrhundert

"Zwischen allen Stühlen - Grenzgänger im 20. Jahrhundert". Wissenschaftliche Tagung am 22./23.4.2016 im Institut für Geschichtswissenschaft

 

Thema und inhaltliche Konzeption der Veranstaltung

 

Es ruft keine Verwunderung hervor, Intellektuelle als „Grenzgänger“ zu bezeichnen und beinahe als Gütekriterium wird ihnen der geistige und geographische Grenzgang immer wieder von der Literatur bescheinigt. Schon 1966 fasste Ernst Jandl mit „Lechts und rinks“ die Schwierigkeiten von Grenzziehungen ironisch zusammen. Grenzen und Grenzüberschreitungen sollen im Mittelpunkt der Tagung stehen. Drei Blöcke sollen sich an einen Einleitungsvortrag, der sich den Begrifflichkeiten sowie den unterschiedlichen Facetten widmet, anschließen und dem Thema des „Grenzgängers“ widmen. In einer ersten Einführung soll der skizzierte Gegenstand für die historische Intellektuellenforschung durch Kristof Niese M.A. (Bonn) anhand von allgemeinen, literarischen und biographischen Beispielen untersucht werden.

Der erste Block widmet sich dem Thema „biographisch“. Hier werden vor allem Personen analysiert, die ideologische Grenzen überwunden haben. Es wird die Frage gestellt, ob die gängigen Klassifikationen einer „linken“ oder „rechten“ Verortung hilfreich für die historische Aufarbeitung sind oder ob sich neue Denkansätze herausstellen lassen. Das Leben und Wirken von Ernst Niekisch, der heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist, ist dabei besonders charakteristisch für die spannende Thematik: Denn Niekisch zählte schon seinerzeit zu den „Marxisten, die neue Wege suchen“ (Ernst Jünger) und fand sich dabei stets „zwischen allen Fronten“ (Uwe Sauermann). In seinem schillernden Leben war Niekisch SPD-Mitglied, stand dann in scharfer Gegnerschaft zur Weimarer Republik, galt als prononcierter Vertreter des „Nationalbolschewismus“, war politischer Häftling unter den Nationalsozialisten und nach 1945 verstoßenes SED-Mitglied, das – kaum bekannt – eine hohe Wertschätzung unter Teilen der aufkommenden „Neuen Linken“ in der Bundesrepublik genoss. Dr. Matthias Stangel (Köln) analysiert das facettenreiche Leben des Pendlers zwischen Links und Rechts und geht auf die vielfachen Wandlungen, Brüche und Schwankungen innerhalb seiner politischen Konzeptionen ein. Dr. Gerrit Dworok (Würzburg) analysiert die streitbare Persönlichkeit Ernst Nolte und beleuchtet dabei insbesondere dessen Verdienste in der historischen Forschung, die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen im Zuge des „Historikerstreits“ sowie die revisionistischen Tendenzen in Noltes Spätwerk.

Der zweite Block will gesellschaftliche und politische Prozesse untersuchen. Angedacht wurde hierbei zum einen ein Blick auf „Satire“ im Nationalsozialismus: In wie weit konnten hier Grenzen aufgebrochen werden und ist nicht das humoristische Vorhaben im Nationalsozialismus per se schon ein Grenzgang? Dr. Christoph Studt (Bonn) referiert zum Thema „‘Heil Hitler! - Heil du ihn!‘ Humor im ‚Dritten Reich‘ zwischen Systemstabilisierung und Opposition“. Die Schnittstelle der Zeitgeschichte-Politikwissenschaft wird Dr. Lutz Haarmann (Bonn) thematisieren. Er wird das Spannungsverhältnis der Partei „Die Grünen“ und das Verhältnis zur „nationalen Frage“ in den 1980er Jahren untersuchen.

Der dritte Block widmete sich „Wirtschaftlich-Juristischer Perspektive“ dem Thema.

Hier wollen die Organisatoren einen fachübergreifenden Grenzgang und den zu beobachtenden Brückenbau zwischen der Rechtwissenschaft und der Geschichtswissenschaft an einem Beispiel aufnehmen. Dr. Thomas Exner (Würzburg) referiert zum Thema „Recht zwischen Erneuerung und Extremismus -- Der Weg ins 20. Jahrhundert“ und geht hierbei insbesondere auf die zunehmend gegensätzlichen Ausprägungen und Protagonisten des Rechts am Übergang ins 20. Jahrhundert ein. Abschließend wird Patrick Bormann M.A. (Bonn) den Komplex der „Unternehmers“ als Grenzgänger untersuchen. Sein Vortrag „Der Unternehmer als schöpferischer Zerstörer - Grenzgänge in der deutschen Elektroindustrie"  zeichnet die aus unternehmerischen Entscheidungen folgenden Grenzüberschreitungen sowie Grenzverschiebungen einer Schlüsselindustrie der Industrialisierung nach und nimmt dabei ganz unterschiedliche Grenzgänge von Unternehmern der Branche in den Blick.

Weitere Informationen: Tagungsbericht und Programm.

Kontakt: Kristof Niese, [Email protection active, please enable JavaScript.]

nullgrenzgänger2

 

Artikelaktionen