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Tagungsbericht

Workshop des Fördervereins Neuere Geschichte an der Universität Bonn e.V.

6./7. Februar 2015, Institut für Geschichtswissenschaft

 

 

In seiner Einführung leitete JÜRGEN PETER SCHMIED (Bonn) die Annahme, dass eine Welt ohne Krieg möglich sei, ideengeschichtlich her. Ausgehend von John Lockes Feststellung, dass Frieden und Parlamentarismus möglichst einander begleiten sollten, fand er Variationen dieser Erkenntnis unter anderem bei Montesquieu, Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant, Thomas Paine, Benjamin Constant und Richard Cobden sowie – zuletzt – auch in Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“. Mit Blick auf die zu behandelnden Politiker, die Waffengängen als Mittel der Politik im Prinzip skeptisch gegenüberstanden, fragte Schmied nach den Wurzeln ihrer idealistischen Einstellung. War diese wirtschaftlich oder religiös motiviert oder vielleicht doch in erster Linie nur eine rhetorische Pose? Des Weiteren solle der Umschwung von einer friedlichen Grundhaltung zum Entschluss für eine militärische Intervention genau analysiert werden, insbesondere seine Ursachen, die jeweils angeführte Begründung – (national-)historisch oder universalistisch – sowie das Glaubwürdigkeits-management. Auffällig sei, so Schmied abschließend, die angelsächsische Herkunft fast aller Protagonisten. Er stellte zur Diskussion, ob es sich bei ihren friedliebenden Ansichten um eine spezifische Tradition jener Länder handle und ob womöglich die Tatsache, dass mit dem ehemaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer erst ein zeitgenössischer deutscher Politiker Aufnahme in diesen Kreis gefunden habe, als Beleg dafür gelten könne, dass Deutschland den langen „Weg nach Westen“ abgeschlossen habe.

BENEDIKT STUCHTEY (Universität Marburg) skizzierte in seinen Ausführungen über „William E. Gladstone und die britische Invasion in Ägypten“ zunächst den Transfer von politischen Ideen, der sich zwischen Großbritannien und den politischen und intellektuellen Eliten des Landes am Nil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert hatte. Dieser Gedankenaustausch zwischen der europäischen Großmacht und dem arabischen Staat konnte die britische Intervention in Ägypten Anfang der 1880er Jahre und die Bombardierung Alexandrias 1882 jedoch nicht verhindern. Angesichts der zunehmenden politischen Instabilität des Landes habe sich die britische Regierung des liberalen Premierministers Gladstone letztlich zu einem militärischen Eingreifen entschlossen, um europäisches Recht und allgemeine Ordnung durchzusetzen. Zudem war Gladstone persönlich finanziell in Ägypten engagiert. Auch 1914 siegte der Pragmatismus in London. Wie ANDREAS ROSE (Universität Bonn) in seinen Ausführungen zur britischen Regierung und der Entscheidung zum Krieg am 4. August 1914 zeigte, stand während der Julikrise vor allem die Lösung der irischen Frage auf der Tagesordnung in Westminster. Letztlich war der Kriegseintritt durch weitgehende Absprachen von Außenminister Sir Edward Grey mit den britischen Verbündeten vorweggenommen. Gleichwohl verstand es die liberale Regierung, die Intervention an der Seite Frankreichs und Russlands gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn als freie Entscheidung zur Durchsetzung von Recht und Moral auszugeben.

Besonders eklatant war das Missverhältnis von moralischem Anspruch und realem Handeln damals in den Vereinigten Staaten von Amerika. Für JOACHIM SCHOLTYSECK (Universität Bonn), der über „Woodrow Wilson und der amerikanische Eintritt in den Ersten Weltkrieg“ sprach, war der Liberalismus des demokratischen Präsidenten von einer eindeutig religiös inspirierten moralischen Überhöhung gekennzeichnet und Wilson mit einem bemerkenswerten Talent zur Selbsttäuschung ausgestattet. Entgegen seiner von sakralem Pathos getragenen Rhetorik fand er sich aus pragmatischen Gründe 1917 zum Eintritt in den europäischen Krieg bereit und hinterließ dennoch eine bis heute wirkmächtige universalistische Denktradition. Ganz anders verhielt es sich fast fünfzig Jahre später mit seinem ebenfalls demokratischen Amtsnachfolger John F. Kennedy. Wie HARALD BIERMANN (Bonn) zu „John F. Kennedy und der Vietnamkrieg“ ausführte, war der junge amerikanische Präsident geradezu gepeinigt von der Vorstellung, die USA könnten militärisch und machtpolitisch hinter die UdSSR zurückfallen, weshalb er ein Zurückweichen vor den Kommunisten in Fernost unter allen Umständen verhindern wollte. Dabei handelte er, so Biermann, nicht als visionärer Liberaler, sondern als ideologiefreier Realist, dem es dennoch nicht gelang, die Verhältnisse angemessen einzuschätzen.

Dagegen stufte HANS KUNDNANI (London) in seinem Referat über „Joschka Fischer und die deutsche Beteiligung am Krieg gegen Serbien“ den grünen Bundesaußenminister als Liberalen ein, der allerdings Gewalt nie prinzipiell abgelehnt hat. Gleichwohl war die Debatte über die Beteiligung am Kosovo-Krieg innerhalb der Bundesregierung und insbesondere innerhalb der GRÜNEN „hypermoralisch“ aufgeladen, wobei es auf Seite der Kriegsbefürworter zu einer seltsamen Vermischung von eher realistischen Gründen, wie der „responsibility to protect“, und universalistischen Motiven, wie dem Argument „Nie wieder Auschwitz“ kam. Aus Sicht von VICTORIA HONEYMAN (University of Leeds), die über „Tony Blair und der zweite Irakkrieg“ referierte, hat der britische Premierminister seine ethisch fundierten Ankündigungen in der Anfangszeit seiner Regierung immer vage genug gehalten – ein Umstand, der mit der Wortschöpfung “blairy” belegt wurde –, um dann 2001 an der Seite des amerikanischen Verbündeten einigermaßen unbeschadet gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein intervenieren zu können. THOMAS FREIBERGER (Universität Bonn) kennzeichnete in seinem Vortrag über „Barack Obama und der Drohnenkrieg“ den aktuellen amerikanischen Präsidenten als liberalen christlichen Realisten, dessen Denken im Wesentlichen von Reinhold Niebuhrs Buch The children of the dark and of the light inspiriert sei. Die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erfolgte Aufwertung des Sicherheitsdenkens und die von Militärs und Geheimdiensten entworfenen Szenarien hätten eine starke Eigendynamik entwickelt, die dem amerikanischen Präsidenten einen interventionistischen Kurs geradezu aufgedrängt und seine idealistischen Vorstellungen in den Hintergrund gerückt hätten.

Die Ergebnisse und großen gedanklichen Linien des Workshops fasste abschließend DOMINIK GEPPERT (Universität Bonn) zusammen. Er verwies darauf, dass der Liberalismusbegriff im Rahmen des Workshops „schillernd“ geblieben sei. Immerhin könnten die behandelten Politiker von pazifistischen Aktivisten klar abgegrenzt werden, verbindend sei indes ein progressives Element und letztlich so etwas wie ein „universalistischer Überschuss“, der bei fast allen Protagonisten nachgewiesen werden konnte. Gewissermaßen die Reinform dieses Typus verkörperten William E. Gladstone und Woodrow Wilson sowie mutmaßlich der amerikanische Präsident Thomas Jefferson, der nicht Gegenstand der Tagung gewesen war. Zugleich machte Geppert den Unterschied zwischen humanitären Interventionen und einem Eingreifen zur Durchsetzung von Recht und Ordnung im Sinne einer guten internationalen „Haushalts“-Politik deutlich; hier böten sich für die handelnden Politiker Ansatzpunkte, realistische und idealistische Motive zu verknüpfen. Schließlich warf er mit Blick auf die Ausführungen von Hans Kundnani die Frage auf, ob die Forderung „Nie wieder Auschwitz“ zu einer spezifisch deutschen universalistischen Missionsidee geworden sei oder vielleicht sogar schon über Deutschland hinaus ein wirkmächtiges Argumentationsmodell darstelle.

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