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Tagungsbericht

Workshop des Fördervereins Neuere Geschichte an der Universität Bonn e.V.

30. Oktober 2015, Institut für Geschichtswissenschaft

 

Vor etwa 10 Jahren begann im Zusammenhang mit dem Irakkrieg das Schlagwort „Söldner“ breite Kreise in der internationalen Presse zu ziehen. Selbst solche, sich eines besonders sachlichen Stils rühmenden Zeitungen konnten sich der Versuchung zur effektheischenden Berichterstattung nicht entziehen. Inzwischen ist die reißerische Berichterstattung der ersten Jahre einer nüchterneren Debatte gewichen. [1] Tagesaktuell wurden die Überlegungen zur Tagung von den Berichten über den Einsatz südafrikanischer Söldner gegen die Terrormiliz Boko Haram begleitet.  Die Tagungsbeiträger hatten sich zum Ziel gesetzt, die aktuellen Bezüge zum Anlass nehmend, diese jüngsten Entwicklungen in einen größeren Rahmen zu stellen und an Hand geeigneter Beispiele ihren Teil dazu zu leisten, dass ein präziseres Bild des Söldnerwesens in der Moderne entsteht, Einer Epoche die immer wieder unter anderem über die Monopolisierung von Gewalt beim Staate definiert wird und die außerdem von einer langen Tradition geprägt ist, Kriegsdienst als Pflichterfüllung gegenüber Monarch, Volk oder Staat zu propagieren und andere Motive zu marginalisieren und abzuwerten. Der Reigen der Forschungsdesiderate beginnt damit, dass es wohl lexikalische Definitionen des Söldners gibt, diese jedoch widersprüchlich und wenig hilfreich sind. Die Tagung erhob nicht den Anspruch, eine klarere Definition liefern zu können, sondern exemplarisch aufzuzeigen, was für Aspekte im Zusammenhang mit Söldnertum zu erforschen sich gerade zu aufdrängen. Eingangs präsentierte der Tagungskoordinator ein Panorama möglicher Leitfragen zur Erforschung von Söldnergeschichte, vor allem natürlich die nach der „Konjunktur“ des Söldnerwesens und den politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die letztere beeinflussen. Des Weiteren wurden aufgezählt: (1) Wie verhält es sich, gerade mit Blick auf die Begriffsunschärfe, mit der Selbst- und Fremdbeschreibung von Söldnern? (2) Wie veränderten sich im Laufe der Zeit die „Rekrutierungspools“ und „Rekrutierungspraxen“? (3) Welche Motive trieben den Einzelnen, Söldnerführer wie Gemeinen an in fremde Kriege zu ziehen? Blickt man auf die Darstellung in den Medien, wie auch auf die Außenwahrnehmung der Söldner in historischen Quellen, sind sie durch alle Zeiten hindurch des Solds und der Beute wegen in den Krieg gezogen. Sicher sind das auch sehr entscheidende Motive. Doch der Söldnerbegriff kann nicht aus seiner Unschärfe gelöst werden, wenn nicht auch hier genauer differenziert und andere Beweggründe angemessen untersucht werden; hier  wurde „Söldnereinheiten als Sehnsuchtsort für Abenteuersuchende Bürgersöhne?“ als beispielhafte Fragestellung genannt. (4) Als reizvoll und aufschlussreich wurde „ der Söldner“ als Gegenstand der Migrationsforschung und der Analyse von Alteritätsdiskursen vermutet. (5) An der Schnittstelle von politischem Kontext und gesellschaftlicher Rezeption wurden Anti-Söldner-Propaganda und -Gesetzgebung als Untersuchungsgegenstände genannt.

JONAS KLEIN (Bonn) widmete sich im ersten Tagungsbeitrag der Geschichte der British German Legion zur Zeit des Krim-Krieges und ihres Organisators und Anführers Carl Richard von Stutterheim. Eingangs verwies er auf die, zumal im deutschen Sprachraum, übersichtliche Literaturlage [2] sowie teils nicht ausgewertete Quellen zur Sache, wie die 1892 in den USA erschienenen Memoiren des Legionsangehörigen William Westphal. [3] Anschließend skizzierte er die politischen und wirtschaftlichen Umstände, welche die britische Regierung während des Krim-Krieges bewegten, Söldner einzusetzen und mit welchen Argumenten und historischen Reminiszenzen dieses Vorhaben gegen Widerstände in der Öffentlichkeit durchgesetzt wurde. Des Weiteren beschrieb er den geradezu exemplarischen „Rekrutierungspool“ aus ehemaligen Angehörigen der kurzlebigen Schleswig-Holsteinischen Armee und Versprengten der Revolutionen von 1848, aus dem besagter Carl Richard von Stutterheim in Norddeutschland die Legionäre warb. Desselbigen Lebensweg wurde parallel beleuchtet, als Beispiel für eine biographische Perspektive in der Forschung zur Söldnergeschichte. Auch die Rezeption der British German Legion in der englisch- wie deutschsprachigen Presse fand Berücksichtigung. Es folgten Ausführungen über die Drucksituation für die britische Regierung, die Söldner nach dem unerwartet raschen Ende des Krieges wieder loszuwerden und dem daraus resultierenden Einverständnis in das Projekt des südafrikanischen Gouverneurs Grey, die Legion unter Stutterheims Kommando als Militärsiedler in Natal anzusiedeln. Den Abschluss bildete ein Ausblick auf das weitere Schicksal der Legionäre, die nach dem Scheitern des Siedlerprojekts zum Teil in der _Indian Mutiny_ kämpften, wie auch auf den Lebensabend Stutterheims im Deutschland der Einigungskriege.

GABRIEL ROLFES (Bonn) stellte am Beispiel Oberst Max Bauers und dessen Tätigkeit als Militärberater und Industrievertreter in der Sowjetunion der Jahre 1923-1924 eine weitere, prominente Ausprägung kriegsreisenden Lebenswandels dar. Wenngleich die Forschung dem gewesenen Generalstabsoffizier wenig Beachtung geschenkt hatte, galt dieser als führender Militärtheoretiker und verfügte über beste Kontakte in die Rüstungsindustrie.[4] Diese machten ihn auch in Russland bekannt und führten schließlich zu einer Einladung durch Leo Trotzki nach Moskau. Es folgten Anstellungen in Spanien, Argentinien und in China. Rolfes konstatierte, dass sich an Bauer eine eigene Form des Söldnertums zeige, die für deren Vertreter aus hoch technologisierten Industriestaaten typisch sei. Die Söldnerbiographie Max Bauers sei weiterhin gerade als eine solche der Zwischenkriegszeit geeignet, eine oftmals getane Verengung der Erzählung über die Geschichte der Söldner in der Neuzeit auf eine solche der jüngeren Vergangenheit auszuweiten.

Nicht nur im populären Film sei der „Mythos Fremdenlegion“ mit obligatorischem weißen Käppi und knallharten Typen angekommen, führte FRITHJOF BALKE (Bonn) in seinem Vortrag über den „oftmals als Inbegriff einer Söldnertruppe“ gesehenen Teil der französischen Streitkräfte aus. Für deutsche Veteranen des Zweiten Weltkrieges sei nicht nur dieser mythische Nimbus interessant gewesen, sondern habe eine echte berufliche Perspektive aufgezeigt: Kampferfahrung seien im Gegensatz zur Bundeswehr ohne größere politische Vergangenheitsprüfung gesucht gewesen. So hätten in der _légion étrangère_ auch einzelne Kriegerbiographien gewesener SS-Soldaten fortgesetzt werden können. Diese seien durch das militärische Engagement in Algerien und Indochina als deutsche Söldner in der Fremdenlegion schließlich nicht nur in einer Perspektive französisch-europäischer Außenpolitik fruchtbar, sondern beispielweise durch Propagandaaktionen der DDR zugleich Bestandteil der deutsch-deutschen Geschichte geworden.

MARKUS HINTZEN (Bonn) präsentierte eine systemtheoretische Perspektive zur Annäherung an die Frage, unter welchen Bedingungen Sicherheit durch Söldner, also das Wirtschaftssystem anstelle des politisch-militärischen Systems bereitgestellt wird. Beispielhaft griff er die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in den USA heraus. Mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror ist der Bedarf nach Sicherheit dann geradezu schlagartig wieder angestiegen. Der Mehrbedarf konnte dabei in bestimmten Bereichen oft nur durch den verstärkten Einsatz privater Sicherheitsdienstleister gedeckt werden. In den vorangegangenen Jahrzehnten hatte sich mit dem Phänomen, das Klaas Voß die „Guerilla des Westens” nennt, ein kleiner aber professioneller Markt gebildet herausgebildet, auf den man zurückgreifen konnte und der nun stark anwuchs. Des Weiteren war die Kriegsführung stärker technologisiert und informatisiert worden, Bereiche, die traditionell marktförmig organisiert waren und deren Grenze zur Gewaltanwendung nun immer mehr verschwamm. Michael Haydens Ausspruch “We kill people based on metadata!” verdeutlicht die Effekte dieser Entwicklung. Gleichzeitig haben Entwicklungen im politischen System die Verlagerung von Militärischer Gewaltanwendung in den privaten Sektor begünstigt, da der Tod regulärer Soldaten im Gefecht im politischen Diskurs stark problematisiert werde. Dieser politisch gewollten, „Privatisierung von oben“ könne man eine „Privatisierung von unten“ gegenüberstellen. Grundsätzlich blüht das Söldnertum dann auf, wenn die Integration von Kriegern in politische Militärsysteme fehlt und andererseits unter weiterhin bestehender wirtschaftlicher Integration, eine Nachfrage nach Sicherheit durch zahlungsfähige Akteure besteht.

In dem die Tagung beschließenden Abendvortrag zum _„Aufstieg des ‚Neuen Söldnertums‘ im Kalten Krieg“_ hob KLAAS VOSS (Hamburg) hervor, dass die Verwendung von _Contractors_ als Instrument nordamerikanischer Außenpolitik im Irak und in Afghanistan „keinesfalls aus dem luftleeren Raum“ entstanden, sondern vielmehr die „logische Weiterentwicklung“ eines in der verdeckten Kriegsführung der 1960er-Jahre wurzelnden Phänomens sei. [5] In Afrika, Asien und Lateinamerika habe es geheimdienstlich organisiertes Engagement „moderner Söldner“ gegeben, welches durch Stellvertreterintervention Einflussnahme ermöglichte, aber „indirekt“ blieb und von offizieller Seite jederzeit dementiert werden konnte. Verbunden mit der Strategie der _Plausible Deniability_ habe dieses Vorgehen der US-Regierung im globalen Systemkonflikt zwischen Ost und West die „Auslagerung“ von militärischer und moralischer Verantwortung ermöglicht und sei folglich als Charakteristik des Kalten Krieges zu konstatieren.

Natürlich konnten die eingangs gestellten Fragen nicht erschöpfend besprochen werden. Die Beiträge haben jedoch eindrucksvoll die Breite und Aktualität der Thematik präsentiert sowie interessante und fruchtbare Annäherungen erlaubt. Die Geschichte der Söldner in der Neuzeit wird auch in Zukunft zur Auseinandersetzung anregen. Die Bonner Tagung soll ein Anstoßpunkt für diese Forschungen sein und zu weiteren Projekten zum Gegenstand anregen.

 

Anmerkungen:

[1] Stig Förster (Hrsg.), Rückkehr der Condottieri? Krieg und Militär zwischen staatlichem Monopol und Privatisierung, von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn, 2010.
[2] Charles Bayley, Mercenaries for the crimea, Montreal 1977.
[3] William Westphal, Ten Years in South Africa. The Only complete and authentic History of the British German Legion in South Africa and the East Indies, Chicago 1892.
[4] Vgl. die wenig gelungene, aber immer noch einzige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bauer bei Adolf Vogt, Oberst Max Bauer. Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869–1929, Osnabrück 1974.
[5] Michael Hayden auf dem John Hopkins Foreign Affairs Symposium, am 01.04.2014. Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=kV2HDM86XgI (aufgerufen am 29.1.2016).
[6] Vgl. hierzu die kenntnisreiche Dissertation des Vortragenden; Klaas Voß, Washingtons Söldner. Verdeckte US-Interventionen im Kalten Krieg und ihre Folgen, Hamburg 2014.

 

Der Artikel ist auch unter folgendem Link im H/SOZ/KULT erschienen: http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6380 

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