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Abteilung für Geschichte der Neuzeit

Eine moderne Geschichtsschreibung der Internationalen Beziehungen

„Ob als Zusammenarbeit, ob als Wettstreit, die Außenpolitik ist ihrer Natur nach stets abenteuerlich.“

In dieser Feststellung Raymond Arons kommen die Grundprobleme des „Abenteuers“ Außenpolitik vortrefflich zum Ausdruck. Das Internationale Staatensystem kennt keine übergeordnete regulierende Instanz, keinen Leviathan, der den schwächsten Staat vor der Gewalt des stärksten Staates schützt und die Anarchie verhindert. So muß der Interessenausgleich in Friedenszeiten bis heute vor allem durch Diplomatie und in Zeiten des Krieges durch Strategie vollzogen werden. Da Diplomatie und Strategie erst durch menschliches Handeln in die Wirklichkeit treten, werden außenpolitische Entscheidungen von Personen, die in vielschichtigen kulturellen wie strukturellen Wirkungszusammenhängen stehen, geprägt. Aus der Auseinandersetzung mit diesen tiefliegenden Kräften in der Außenpolitik zieht die Geschichtsschreibung der  Internationalen Beziehungen gleichermaßen ihren Reiz und ihren Nutzen.

Aus wohlerwogenen methodischen Gründen setzt die Historiographie der Internationalen Beziehungen in Bonn immer noch dort an, wo staatliche Macht konzentriert ist - bei den politischen Entscheidungsträgern. Denn ihr Handeln formt maßgeblich die internationale Politik, und ihr Handlungsrahmen ist trotz des von John H. Herz konstatierten Aufbrechens der harten Schale des Nationalstaates auch heute nicht die reine „Gesellschaftswelt“, sondern vor allem, wenn auch nicht nur, die „Staatenwelt“.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich nun die beiden klassischen Kardinalfragen der Diplomatiegeschichte: Wie handelten die außenpolitisch verantwortlichen Akteure und warum haben sie so und nicht anders gehandelt? Dabei wird mit Blick auf die Entscheidungsträger gefragt, welche Wahrnehmungshorizonte und welche spezifischen Mentalitäten das Handeln beeinflussen oder gar determinieren. Staatliche „Interessen“ sind naturgemäß keine festen Größen, sondern werden aus einer spezifischen Interpretation der Welt abgeleitet. Welche Rolle spielen dabei genuin biographische Faktoren wie Prägung und Sozialisation? Mit welchen Begriffen, Metaphern und Bildern beschreiben die politisch Handelnden befreundete oder feindliche Nationen? Und schließlich: Wie fließen die widerstreitenden Prinzipien von Macht und Moral, von Pragmatismus und Weltanschauung in ihrem politischen Denken zusammen?

Auf struktureller Ebene interessieren Fragen, die Grundprobleme der Internationalen Beziehungen berühren: Wie entstehen Kriege und wie findet man Wege aus dem Krieg heraus? Nach welchen Mustern laufen die Phänomene von Macht- und Gegenmachtbildung ab? In welcher Konstellation wird ein Staatensystem instabil? Welche Faktoren stabilisieren eine Friedensordnung? Welchen Bewegungsgesetzen unterliegen Allianzen? Welche Rolle spielt Legitimität? Wie funktioniert Neutralität, wie Entspannung? Wie beeinflußt technologischer Wandel Diplomatie und Strategie? All diese Fragen leiten die intensive Auswertung staatlicher und privater, publizierter und unpublizierter Quellen.

Die historische Erforschung des „Abenteuers“ der Internationalen Beziehungen auf einer breiten Quellengrundlage bildet einen der Schwerpunkte der Lehr- und Forschungstätigkeit der Lehrstühle für Geschichte der Neuzeit am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. Die Lehrstühle begreifen sich dabei als Vorreiter einer modernen Geschichtsschreibung der Internationalen Beziehungen, welche die Stärken der traditionellen Diplomatiegeschichte mit den Methoden und Erkenntnissen neuer historischer Teildisziplinen zu verbinden weiß.

Das Institut für Geschichtswissenschaft in Bonn verfügt über jahrzehntelange Erfahrung auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung der Internationalen Beziehungen. Davon zeugen zahlreiche Publikationen zur Geschichte der deutschen Außenpolitik von 1871 bis heute sowie zur Außenpolitik der DDR. Die laufenden Forschungsvorhaben konzentrieren sich unter anderem auf die europäische Staatenwelt vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die transatlantischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert als Elemente der Globalisierung, die internationalen Beziehungen im Kalten Krieg sowie die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Der traditionelle Schwerpunkt des Instituts auf quellennaher Arbeit zeigt sich an der Mitbetreuung wichtiger Editionsprojekte wie der „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“. Durch die Nähe zu wichtigen Bundes- und Stiftungsarchiven besitzt Bonn darüber hinaus einen wesentlichen Standortvorteil für das Studium der Internationalen Beziehungen und gehört so zu den bundesweit führenden Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet.

Die akademischen Schwerpunkte schlagen sich im Veranstaltungsangebot der Lehrstühle für die Geschichte der Neuzeit nieder. Daneben bietet das Institut natürlich auch ein breites Spektrum von innenpolitisch, biographisch oder kulturgeschichtlich orientierten Seminaren. Wer sein Studium jedoch frühzeitig auf die Internationalen Beziehungen fokussieren möchte, findet hier eine besonders reichhaltige Auswahl.

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